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Aufrüstung und Militarisierung · Ukraine-Hilfe

Amerika verkauft 500 Patriot-Raketen an die Ukraine – bezahlen sollen Berlin und seine Verbündeten

Norbert Fleischer · 30.10.2026 · 4 Min. Lesezeit

Das US-Außenministerium hat am 30. Oktober den möglichen Verkauf von 500 Abfangraketen vom Typ Patriot PAC-3 MSE an die Ukraine genehmigt, Wert: 2,1 Milliarden Dollar, rechnerisch gut vier Millionen Dollar je Rakete samt Ersatzteilen und Logistik. Hauptauftragnehmer ist der Rüstungskonzern Lockheed Martin. Bezahlen sollen andere: Kanada, Deutschland und Norwegen über das Programm JUMPSTART, den Rest die Ukraine aus Mitteln, die der Ukraine-Unterstützungskredit der EU finanziert. „Es werden keine US-Gelder verwendet“, gibt Defence Industry Europe die Mitteilung des State Department wieder. Der Kongress hat nun in der Regel 30 Tage Zeit für die Prüfung, ein Liefertermin ist nicht genannt (United24).

Foto: Bernd vdB · „Patriot missile launch b“ (Wikimedia Commons) · gemeinfrei · Ausschnitt

JUMPSTART ist ein Finanzierungsweg, über den Verbündete die Patriot-Bestellungen der Ukraine in den USA bezahlen. Wer dabei vorangeht, zeigt eine frühere Verkaufsmitteilung der US-Rüstungsexportbehörde DSCA vom Februar 2026 im US-Bundesregister. Als Geldquelle steht dort: „JUMPSTART-Mittel aus Deutschland“.

Vom Geber zum Händler

Am gleichen Tag legte die Ostdeutsche Allgemeine den Ländervergleich aus dem Ukraine Support Tracker des Kiel Instituts für Weltwirtschaft vor, der alle seit 2022 gelieferten oder fest zugeteilten Hilfen erfasst, bis Ende August 2026 rund 383 Milliarden Euro. Die USA stehen mit 115,4 Milliarden Euro vorn, verdanken das aber fast vollständig der Amtszeit von Joe Biden. 2025, im ersten Jahr unter Donald Trump, kamen noch knapp 0,5 Milliarden. „Für die ersten acht Monate dieses Jahres steht bei den USA eine Null.“ Deutschland dagegen ist mit 30,8 Milliarden Euro der größte europäische Geber, davon gut 25 Milliarden Militärhilfe. 2025 kamen 9,4 Milliarden aus Berlin, so viel wie nie, und auch von Januar bis August 2026 liegt Deutschland mit 5,5 Milliarden vorn.

Die Lage spitzt sich zu, nur die Rollen sind vertauscht. Washington zahlt nicht mehr, liefert aber weiter, gegen Rechnung. Deutschland übernimmt die Rolle des Zahlmeisters. Wie weit die eigene Darstellung der Bundesregierung davon abweicht, hatte das Kiel Institut schon am 8. Oktober vorgerechnet: Von den rund 100 Milliarden Euro, die Berlin als Hilfe für die Ukraine ausweist, gingen nur 41,7 Milliarden tatsächlich an das Land. 35,9 Milliarden werden in Deutschland ausgegeben, davon 27,45 Milliarden als Bürgergeld für ukrainische Geflüchtete, 22 Milliarden sind künftige militärische Zusagen. Christoph Trebesch, Forschungsdirektor des Instituts und Leiter des Trackers, über die Bürgergeld-Milliarden: „Dieses Geld hilft der ukrainischen Regierung nicht, sich gegen die russischen Angriffe zu verteidigen.“ Und Kiew verlangt nach eigenen Angaben für das kommende Jahr mindestens 70 Milliarden Euro zusätzlich.

Wo das Geld versickert

Wohin solches Geld fließen kann, hat das dänische Investigativmedium Danwatch am 29. Oktober aufgedeckt, unter der Überschrift „Regierung zahlte falscher Firma 71 Millionen Kronen für Granaten an die Ukraine“. Rund 9,5 Millionen Euro dänischer Militärhilfe gingen über die estnische Beschaffungsbehörde an das italienische Unternehmen Datasel in La Spezia, registriert als Softwareentwickler, das nach Danwatch „weder die Genehmigung hat, Waffen herzustellen, noch sie zu verkaufen“. Auf seiner Website warb es mit einem Bild vom Cover eines fast 20 Jahre alten Xbox-Spiels. Ergebnis: „Nicht eine einzige Granate ist für das Geld der Dänen an die Ukraine geliefert worden.“ In Estland hatte der Skandal um Datasel-Verträge über rund 70 Millionen Euro schon im September Verteidigungsminister Hanno Pevkur das Amt gekostet (Kyiv Independent). Der dänische Staatsrevisor Anders Vistisen von der Dänischen Volkspartei nennt den Fall „ja völlig grotesk“. Verteidigungsminister Jeppe Bruus bestätigte am 30. Oktober: „Es läuft ein Gerichtsverfahren, um die restlichen Mittel zurückzubekommen.“ Datasel bestreitet die Vorwürfe.

Bezahlt wird im eigenen Land

Während Milliarden über Programme mit Kürzelnamen nach Washington und in dubiose Zwischenhändler fließen, wird zu Hause gestrichen. Nach dem Pflegeneuordnungsgesetz, über das der Bundestag am 5. November zum ersten Mal berät, verlieren Menschen mit Pflegegrad 1 ab Januar 131 Euro im Monat (Ostdeutsche Allgemeine, 28. Oktober). Wie die Rechnung insgesamt aussieht, war in YOUNOST 140 (9. Juli, Min. 17:51) im Gespräch mit dem Filmemacher Wilhelm Domke-Schulz zu hören: Der Bundesrechnungshof erwartet, dass der Schuldenberg bis 2029 auf 2,7 Billionen Euro wächst.

Wer die Rechnung bezahlt, darf nachfragen: Wie viel deutsches Steuergeld steckt in den 2,1 Milliarden Dollar für Lockheed Martin? Steht das im Bundeshaushalt, und hat der Bundestag darüber abgestimmt? Wer prüft, ob Geld, das über Drittstaaten und Zwischenhändler läuft, überhaupt ankommt? Und warum ist für Rüstungsgeschäfte in den USA Geld da, für die Putzhilfe einer Pflegebedürftigen aber nicht mehr?

Andere Stimmen

Der amerikanische Politikwissenschaftler John Mearsheimer sagte am 28. Oktober in einer Sendung mit Glenn Diesen: „Nicht die Amerikaner, denn die Amerikaner sind aus dem Geschäft ausgestiegen. Die Last der wirtschaftlichen Unterstützung der Ukraine liegt jetzt auf den Schultern der Europäer.“

Der Friedensforscher Daniele Ganser sah den Druck schon am 18. September im Gespräch mit dem Finanzautor Marc Friedrich in Washington: „Man möchte Deutschland in dem Sinn auch ausnehmen, indem man sagt, ihr müsst mehr Geld in Rüstung investieren. Dieser Druck kommt meiner Meinung nach aus den USA“.

Der Journalist Patrik Baab bilanzierte in seinem Vortrag auf der Konferenz „Mut zur Ethik“ vom 5. September (Video vom 20. September): „Das Gesamtengagement der EU belief sich mit dem neuen Darlehen auf fast 283 Mrd. Euro. Geld, das für den Krieg ausgegeben oder zugesagt worden war.“

Selbst die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas räumte am 30. Oktober in einer Rede an der Universität Montreal ein: „Es wird immer schwieriger, der europäischen Öffentlichkeit zu erklären, dass die Ukraine unterstützt werden muss“, alle seien dieses Krieges müde (Modern.az). Daraus folgt für sie nicht weniger Hilfe: Europa und Kanada sollen weiter zahlen.

Wer am Ende zahlt, verschweigen die Hauptnachrichten. Am 30. Oktober berichteten das Erste und das Zweite über einen Kryptodiebstahl von rund sechs Milliarden Dollar. Über den Kieler Ländervergleich und die verschwundenen Millionen für Granaten verloren sie kein Wort, die Tagesschau meldete lediglich, dass sich Kanada am 90-Milliarden-Kredit der EU für die Ukraine beteiligt.

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