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Aufrüstung und Militarisierung · NATO-Ostflanke

Litauen verordnet die Wehrpflicht, die Bundeswehr horcht nach Kaliningrad

Norbert Fleischer · 29.10.2026 · 4 Min. Lesezeit

Litauen führt die allgemeine Wehrpflicht für junge Männer ein, mit festem Datum: ab 2032. Das hat der Staatsverteidigungsrat, in dem die politische und die militärische Führung des Landes sitzen, am 29. Oktober beschlossen, wie der öffentlich-rechtliche Sender LRT berichtet. Statt gut 5.000 sollen dann jedes Jahr rund 7.500 junge Männer einrücken, Frauen dienen weiter freiwillig. Präsident Gitanas Nausėda: „Ich halte es für optimal, die Wehrpflicht ab 2032 umzusetzen.“ Ministerpräsident Mindaugas Sinkevičius ließ erkennen, dass die Regierung schneller sein wollte und das Militär bremste: „Man kann sagen, der politische Wille ist da, aber zugleich stellt sich die Frage nach der Bereitschaft des Militärs.“ Für 2027 sieht der Haushaltsentwurf mehr als 4,8 Milliarden Euro für Verteidigung vor, 5 Prozent der Wirtschaftsleistung, bei einem Staatsdefizit von 3,8 Prozent (LRT, 16. Oktober).

Archivbild aus 2019 · Foto: U.S. Army photo by Gertrud Zach · „Germany supports the NATO’s eFP Battlegroup in Lithuania (5068561)“ (Wikimedia Commons) · gemeinfrei · Ausschnitt

Zur selben Zeit bekommt die deutsche Brigade in Litauen einen neuen Auftrag. Sie soll mit elektronischer Kampfführung, also dem Orten, Abhören und Stören fremder Funk- und Radarsignale, militärische Aktivitäten in Belarus und im russischen Gebiet Kaliningrad früh erkennen. Das sagte Vizeadmiral Thomas Daum, Inspekteur des Cyber- und Informationsraums der Bundeswehr, am 28. Oktober auf dem Flugplatz Paluknys der Nachrichtenagentur Reuters: „Wenn irgendetwas passiert, werden diese Einheiten es erkennen.“ Die Brigade sammelt Daten über russische und belarussische Sender und Radare und speist sie in Datenbanken ein, „die dann alle unsere Systeme informieren“. Getestet werden Drohnenerkennung, Signalabfang, Störsender und Sensoren, die Gefechtsfelddaten an entfernte Analysten übermitteln. Daums Lagebild: „Der Cyber- und Informationsraum ist noch nicht im Krieg, aber es ist kein Frieden mehr.“ Nebenbei meldet Reuters, dass das Bundeskabinett im August den Nachrichtendiensten neue Befugnisse zum Hacken von Kommunikation geben wollte; der Bundestag hat noch nicht zugestimmt.

Die NATO-Ostflanke rüstet auch sonst auf. Polen bekommt das einzige Wartungszentrum für Patriot-Abfangraketen vom Typ PAC-3 außerhalb der USA, Deutschland, die Niederlande und Norwegen gingen leer aus (Reuters, 27. Oktober). In Estland übte die Bundeswehr bei „Brave Blue 26“ vom 16. Oktober an zum ersten Mal, zusätzliche Kräfte dorthin zu verlegen (ERR). Und die EU-Kommission lehnte den Antrag der drei baltischen Staaten auf 500 Millionen Euro für die Drohnenabwehr ab. Verteidigungskommissar Andrius Kubilius verwies sie auf SAFE, das 150-Milliarden-Kreditprogramm der EU für Rüstungskäufe (ERR, 29. Oktober). Brüssel sagt also nicht Nein zur Aufrüstung, sondern nur zum Geschenk: Die Balten sollen sich verschulden.

Vom Stolperdraht zum Horchposten

Damit erreicht eine Entwicklung die nächste Stufe, die mit dem NATO-Gipfel von Warschau 2016 begann. 2017 rückte die von der Bundeswehr geführte NATO-Battlegroup mit rund 1.000 Soldaten in Rukla ein, weniger als 200 Kilometer von Kaliningrad entfernt. Sie rotierte, damit sie nicht als Bruch der NATO-Russland-Grundakte galt. In dieser Erklärung von 1997 sagte die NATO zu, sich im damaligen Sicherheitsumfeld eher auf Verstärkung zu stützen, „als dass es zusätzlich substantielle Kampftruppen dauerhaft stationiert“. Am 26. Oktober 2023 erklärte die Bundesregierung die Zusage für erledigt: Die Grundakte sei „kein rechtsverbindliches Dokument, sondern eine politische Absichtserklärung“ (Bundestagsdrucksache 20/9008). Am 1. April 2025 wurde die Panzerbrigade 45 in Dienst gestellt, bis 2027 sollen rund 5.000 deutsche Soldaten dauerhaft in Litauen stehen.

Neu ist zweierlei. Die Brigade soll nicht mehr nur abschrecken, sie hört in Echtzeit nach Belarus und Kaliningrad hinein, und ihre Daten fließen in die Systeme der Verbündeten. Und mit der Wehrpflicht samt Stichtag zeigt Litauen, wohin die Debatte über die „Kriegstüchtigkeit“ auch in Deutschland führen kann.

Gewarnt wurde früh. Der Willy-Brandt-Kreis, ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern und Publizisten in der Tradition der Ostpolitik, schrieb am 21. Juni 2016, die Manöverdichte im Ostseeraum erhöhe die Gefahr, „dass durch Überreaktion, Fehlwahrnehmung oder durch einen Unfall eine direkte militärische Konfrontation zwischen NATO und Russland entsteht“. Der Kaiserslauterner Friedensaktivist Wolfgang Jung erinnerte am 18. Juni 2017 daran, dass das besetzte Litauen während der Blockade Leningrads „zum Hinterland der Ostfront“ gehörte, und forderte, der Bundestag müsse „den sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Litauen beschließen“. In YOUNOST 56 sagte Torsten Schleip, Ko-Sprecher der Kooperation für den Frieden, im März 2024 über das Großmanöver Steadfast Defender: „da geht es an die russische Grenze“ (Min. 03:18). Weil es keine gegenseitigen Besuche und Beratungen mehr gebe, berge das „eine Gefahr, wie sie selbst zu Zeiten des Kalten Krieges nie gegeben hat“ (Min. 06:21).

Wer hört mit, und wer wird zum Ziel?

Wer in Deutschland wählt und Steuern zahlt, hätte ein Recht auf Antworten: Wer sind die „entfernten Analysten“, und sitzen sie in Litauen, in Deutschland oder in den US-Stäben in Wiesbaden und Ramstein? Hat der Bundestag je darüber beraten, dass eine deutsche Einheit an der Grenze zu Belarus dauerhaft aufklärt? Und was heißt es für deutsche Standorte, wenn ihre Daten die Zielsysteme der Verbündeten füttern? In Moskau gilt eine solche Einheit nicht als Frühwarnung, sondern als Zielaufklärung; die Nachrichtenagentur TASS meldete, Deutschland wolle die Technik einsetzen, „um Russland und Belarus zu überwachen“.

Der Blick von außen

Die deutlichste Gegenstimme kommt ausgerechnet aus Washington. Nach Reuters haben Pentagon-Vertreter Litauen, Lettland und Estland aufgefordert, ihre Warnungen vor Russland zu mäßigen. Elbridge Colby, Staatssekretär für Politik im US-Verteidigungsministerium, habe einem baltischen Vertreter geraten, Russland nicht zu reizen (Stars and Stripes, 30. Oktober). Nausėdas Amt bestritt solche Anfragen. Verteidigungsminister Robertas Kaunas: „Was wir sagen, beruht immer auf Fakten“ (LRT).

George Beebe, früher Leiter der Russland-Analyse der CIA, nannte am 29. Oktober im Austausch mit dem norwegischen Politikwissenschaftler Glenn Diesen die Annahme, Russland wolle „das Baltikum erobern und schließlich in Polen und Deutschland einmarschieren“, eine „absurde“ Analyse. Douglas Macgregor, früher Oberst der US-Armee, sagte am 27. Oktober bei Diesen über Polen, die Slowakei, Ungarn und Rumänien: „Keines dieser Länder ist daran interessiert, mit Russland in den Krieg zu ziehen.“ Über die Ausfälle Warschauer Politiker gegen Moskau schüttle der polnische Generalstab „verzweifelt den Kopf“.

Wie die Brigade in Russland ankommt, gab der Journalist Patrik Baab am 20. November 2025 nach einer Russlandreise wieder: „Wir haben unsere Truppen vollständig aus Deutschland abgezogen. Und heute stationieren sie eine deutsche Panzerbrigade im Baltikum.“

Im Hauptabendprogramm kam nichts davon vor. Litauens Wehrpflicht und der Abhörauftrag der deutschen Brigade fehlten vom 28. bis 30. Oktober in Tagesschau und Tagesthemen ebenso wie in heute und im heute journal.

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