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Norbert FleischerJournalismus · Medienproduktion · Public Relations
Aufrüstung und Militarisierung · Raketendrohnen

Die ARD fliegt mit, Deutschland baut mit: Kiews Raketendrohnen kommen auch aus deutschen Werkhallen

Norbert Fleischer · 02.11.2026 · 4 Min. Lesezeit

Tagesschau und Tagesthemen haben am 1. November dieselbe Reportage gezeigt: eine ukrainische Einheit, die nachts Langstreckendrohnen mit Raketenantrieb startet. „Bis zu 3400 Kilometer weit können diese Drohnen fliegen. Ziele sind russische Munitionslager, Waffenfabriken, Kommandoposten sowie die Ölinfrastruktur“, hieß es in der Tagesschau. Die Tagesthemen sagten an: „Was hier passiert, schwächt Russlands Kriegskasse.“ Beide Fassungen endeten mit dem Satz: „Für die Ukraine sind sie ein wichtiges Mittel, sich zu wehren.“ Ein Kommandeur gab den Wunschzettel gleich mit: „Wir brauchen auch unbedingt Raketen, deshalb haben wir große Erwartungen an unsere westlichen Partner in dieser Hinsicht.“

Foto: Krzysztof Popławski · „Ukrainian Liutyi long-range strike drone“ (Wikimedia Commons) · CC BY 4.0 · Ausschnitt

In derselben Nacht traf ein „massiver Drohnenangriff“ eine Industrieanlage im Bezirk Kstowo bei Nischni Nowgorod, schrieb Gouverneur Gleb Nikitin. „Mehr als 100 Drohnen sind zerstört worden.“ Es könne zu Stromausfällen und eingeschränkter Versorgung mit Warmwasser und Heizung in Wohnhäusern kommen (Euronews). Kriegsbeobachter auf Telegram nannten als Ziel die Lukoil-Raffinerie von Kstowo, eine der größten des Landes. Wie groß der Schaden ist, „lässt sich unabhängig nicht überprüfen“, räumte die Tagesschau ein.

Was die Reportage nicht erzählt

Eines kam in beiden Sendungen nicht vor: Ein Teil der ukrainischen Raketendrohnen entsteht in Deutschland, bezahlt vom deutschen Steuerzahler. Im Juli 2026 unterzeichneten Verteidigungsminister Boris Pistorius und der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha ein Abkommen im Rahmen der ukrainischen Initiative „Build with Ukraine“. Ein deutsch-ukrainisches Gemeinschaftsunternehmen baut seither in Deutschland den Flugkörper Bars, „Schneeleopard“. Die Produktion wird nach dem Fachmagazin Soldat & Technik „zunächst von der deutschen Regierung finanziert“. Die erste in Deutschland gefertigte Charge ging im Oktober an die ukrainischen Streitkräfte.

Bars ist eine strahlgetriebene Raketendrohne mit bis zu 1.000 Kilometern Reichweite und bis zu 105 Kilogramm Nutzlast. Präsident Wolodymyr Selenskyj nannte sie als eines der Systeme, mit denen die Ukraine Militärstützpunkte und Energieanlagen im russischen Hinterland angreift. Nach dem ukrainischen Fachportal Militarnyi, das Soldat & Technik zitiert, werden derzeit über 2.000 Stück im Monat produziert.

Jetzt will auch die Bundeswehr zugreifen. Nach der Financial Times soll zunächst eine kleine Zahl für Erprobungen gekauft werden, bei Erfolg könnten mehrere Hundert folgen. Eine militärische Quelle bestätigte das gegenüber Soldat & Technik als „sehr wahrscheinlich“. Daneben erprobt die Bundeswehr den Marschflugkörper Anthem, den die Firma Covenant in Leipzig baut, und plant den Kauf amerikanischer Tomahawk.

Von der Finanzierung zur eigenen Werkhalle

Mit jedem Schritt rückt Deutschland näher an den Abschussplatz. Am 28. Mai 2025 vereinbarten Pistorius und sein ukrainischer Amtskollege Rustem Umerow in Berlin, dass Deutschland die Produktion weitreichender Waffen in der Ukraine finanziert. Die ersten dieser Systeme könnten „bereits in wenigen Wochen zum Einsatz kommen“, teilte das Verteidigungsministerium damals mit. Das Paket umfasste rund fünf Milliarden Euro. Damals bezahlte Berlin Fabriken in der Ukraine. Inzwischen steht die Fertigung auch auf deutschem Boden.

Neu ist dreierlei. Die Waffen, mit denen die Ukraine russische Raffinerien und Stützpunkte angreift, werden inzwischen auch in Deutschland gefertigt und ausgeliefert. Die Bundeswehr will dasselbe System selbst kaufen und baut damit eigene Fähigkeiten für weitreichende Schläge auf. Und das Erste begleitet die Einsätze im Bild, ohne zu sagen, woher ein Teil der Flugkörper kommt.

Moskau hat seine Haltung zu solchen Fabriken schon formuliert. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, sagte am 17. Juli 2025 unter Berufung auf die Position Wladimir Putins vom November 2024, Russland halte sich für berechtigt, seine Waffen „gegen die militärischen Einrichtungen von Ländern einzusetzen, die den Einsatz ihrer Waffen gegen uns erlauben“. Die deutsche Hilfe bei der Produktion weitreichender Systeme in der Ukraine könne Pläne verdecken, dort Taurus-Marschflugkörper montieren zu lassen (TASS). Im August 2026 kündigte Kremlsprecher Dmitri Peskow an, die russischen Streitkräfte unternähmen Schritte, „um die Produktionsstätten solcher Marschflugkörper und anderer militärischer Ausrüstung zu identifizieren und zu zerstören“. Gemeint war die britische Raketenproduktion in der Ukraine (RT DE). Nach Moskauer Logik wäre eine Fabrik in Deutschland, die Flugkörper für Angriffe auf Russland baut, ein solches Ziel.

Deutschland ist damit nicht mehr nur Geldgeber, sondern Werkbank. Wer Steuern zahlt und in der Nähe solcher Hallen wohnt, darf nachfragen: An welchem Ort in Deutschland werden die Bars gefertigt, und wissen die Anwohner davon? Wie viel Geld aus dem Bundeshaushalt fließt in die Produktion? Hat der Bundestag darüber beraten, dass auf deutschem Boden Flugkörper für Angriffe tief in Russland gebaut werden? Und welche Ziele in Russland dürfen mit Flugkörpern aus deutscher Fertigung angegriffen werden?

Mehr Reichweite, weniger Strom

Der Militärwissenschaftler Fabian Hoffmann vom Norwegischen Institut für Verteidigungsstudien nannte Bars gegenüber der Financial Times den am häufigsten geflogenen kostengünstigen ukrainischen Marschflugkörper: „Die Ukrainer – und auch die Deutschen – verfügen über die meisten Daten darüber, wie es sich im Einsatz verhält“ (Soldat & Technik). Ein Satz, der mehr verrät als jede Pressemitteilung: Auch auf deutscher Seite kennt man die Daten aus dem Einsatz.

Die Antwort kommt Nacht für Nacht zurück. Präsident Selenskyj schrieb am Samstag auf X: „Russische Angriffe haben die Lage bei der Stromversorgung in all unseren Regionen schwierig gemacht.“ Rund 280.000 Haushalte waren nach seinen Angaben ohne Strom, getroffen wurden ein Heizkraftwerk in Kiew und vier Umspannwerke im Gebiet Dnipro (Euronews). Raffinerie gegen Kraftwerk, Winter gegen Winter.

Auch in Washington sieht man die Angriffe nicht nur als Notwehr. Die US-Regierung machte sie nach Euronews für steigende Dieselpreise weltweit verantwortlich, nach Berichten hatte die Ukraine ihre Angriffe auf Raffinerien unter diesem Druck vorübergehend ausgesetzt. Nun laufen sie wieder. Schon zuvor in dieser Woche war nach einem Drohnenangriff in der Region Samara Berichten zufolge ein schweres Feuer in einer Raffinerie ausgebrochen.

Embedded und ohne Gegenfrage

Gesendet wurde die halbe Geschichte, zweimal. Tagesschau und Tagesthemen zeigten am 1. November dieselbe Reportage, wohlwollend und ohne Gegenstimme. Woher die Zieldaten für Angriffe 3.400 Kilometer tief in Russland kommen und welche Flugkörper in Deutschland gebaut werden, fragte keine der beiden. Das ZDF brachte in heute und heute journal zu den Drohnenangriffen nichts.

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Alle Zitate sind in der verlinkten Originalquelle nachzulesen; Videozitate sind mit Zeitmarke verlinkt. Fremdsprachige Zitate in eigener Übersetzung.
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