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Aufrüstung und Militarisierung · Leipzig

17 Rüstungsfirmen wollen nach Leipzig – der Oberbürgermeister sagt: „Wir überhöhen das Thema“

Norbert Fleischer · 29.10.2026 · 4 Min. Lesezeit

Leipzig ist für die Rüstungsindustrie längst eine erste Adresse. 17 Unternehmen aus der Branche haben bei der Stadt angefragt, ob sie sich hier ansiedeln können. Das räumte Wirtschaftsbürgermeister Clemens Schülke (CDU) am Mittwoch, dem 28. Oktober, in der Ratsversammlung ein, wie die Ostdeutsche Allgemeine am 29. Oktober berichtet. Zwölf der Anfragen kommen aus der reinen Verteidigungsindustrie, fünf aus dem Dual-Use-Bereich, also von Herstellern, deren Produkte zivil wie militärisch genutzt werden können. Mit fünf Unternehmen führe die Verwaltung „aktiv Gespräche“. Sieben Anfragen seien abgewiesen worden, „etwa, weil die Unternehmen Sprengstoffe verarbeiten wollten“. Schülke beziffert das Potenzial auf 700 Arbeitsplätze. Namen nannte er keine.

Archivbild aus 2013 · Tuxyso / Wikimedia Commons · „Neues Rathaus Leipzig Süd-Fassade 2013“ (Wikimedia Commons) · CC BY-SA 3.0 · Ausschnitt

Die Leipziger Zeitung gibt Schülke am 31. Oktober noch deutlicher wieder: Bei fünf Unternehmen sei die Ansiedlung bereits „gesichert“. Öffentlich geworden ist das alles nur, weil die Linksfraktion eine Dringliche Anfrage stellte: „Droht schon die nächste Rüstungsansiedlung? – Falk Defence in Leipzig“.

Ein Jahr unter dem Radar

Falk Defence ist ein Düsseldorfer Start-up, das nach eigenen Angaben „Europas Raketenartilleriesystem der nächsten Generation“ entwickelt, mit bis zu 100 Kilometern Reichweite und ausgelegt „für die Massenproduktion“. Die erste Anfrage an die Stadt stammt nach Schülkes Angaben vom 7. November 2025, am 27. November folgte ein Gespräch im Mitteldeutschen Institut für Sicherheitsindustrie, einem Verein, der Rüstungsfirmen in die Region holen will. Im März saß Falk Defence beim Investorentreffen im Rathaus, „die Verwaltung half in verschiedenen Bereichen bei der Ansiedlung“. Seitdem nutzt die Firma in Leipzig ein Büro mit Halle und sucht einen Produktionsstandort „in der Region Leipzig“. Wo die Halle steht, verrät Schülke nicht.

Der Linke-Stadtrat Volker Külow fragte in der Sitzung, ob solche Pläne „einfach ein Jahr lang unter dem Radar fliegen“ können, und sprach vom „Stealth-Modus“, also einem Tarnkappenbetrieb. Die Antwort gibt das Verfahren selbst: Rüstungsfirmen fühlen über die Invest Region Leipzig vor, und die Anfragen bleiben vertraulich, bis die Ansiedlung spruchreif ist. Schülke versprach, den Stadtrat künftig „eher“ zu informieren.

Von einer Fabrik zu einer Branche

Aus dem Einzelfall wird ein Muster. Am 5. Oktober eröffnete der US-Rüstungsbauer Covenant im Leipziger Norden eine Halle, in der ab 2027 der Marschflugkörper Anthem gebaut werden soll, 2027 tausend Stück, 2028 fünftausend, mit einer Reichweite von „weit über 1.000 km“ (Produktion, 6. Oktober). Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) kommentierte das mit dem Satz: „Die beste Sicherheit ist immer noch die Abschreckung.“ Anfang Oktober war es eine Fabrik. Jetzt geht es um eine Branche, die Leipzig als Standort entdeckt hat, und um eine Verwaltung, die ihr den Weg ebnet.

YouNost verfolgt diese Linie seit dem Sommer. In YOUNOST 149 (7. September) ging es um Covenant, 2024 gegründet, mit Entwicklung überwiegend in Israel. In YOUNOST 156 (27. Oktober) stand die Raketenhalle neben dem Ende von Kahla Porzellan nach 182 Jahren: Die Porzellanfabrik schließt, die Raketenfabrik öffnet. Schon im Mai hatte Wilhelm Domke-Schulz, Dokumentarfilmer und Chefredakteur von Berlin247, in YOUNOST 134 (ab Minute 24) beschrieben, wie Industrie- und Handelskammern ihre Mitglieder einladen, um zu lernen: „Wie können wir unsere Produktion von Zivil auf Rüstung umstellen.“ Wer Waffen für die Ukraine produziere, errichte in Deutschland „ein Zielkreuz nach dem anderen“.

Der Kuchen und die Krümel

Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), zugleich Präsident des Deutschen Städtetags, wehrt sich gegen das Bild vom Rüstungscluster: „Die Milliarden der Bundesregierung werden ganz woanders ausgegeben. München ist ein Schwerpunkt.“ Leipzig habe nicht „auch nur ansatzweise eine Chance“, vom „Kuchen, der gerade verteilt wird, das große Stück abzubekommen“. Ob er sich beim Städtetag dafür starkmache, Rüstungsansiedlungen in Ballungsräumen grundsätzlich auszuschließen? „Wir überhöhen das Thema.“ Weil es nur um Zulieferer gehe, sieht er „kein neues Gefahrenpotential“.

Der Satz beruhigt, er erklärt nichts. Wenn Leipzig vom Kuchen ohnehin nichts abbekommt, warum hilft die Verwaltung dann seit Monaten bei einer Ansiedlung, die sie den gewählten Stadträten fast ein Jahr lang nicht mitteilt? Und seit wann ist eine Halle, in der Raketen entwickelt werden, ein harmloser Zulieferbetrieb? Was die Leipziger vor der nächsten Wahl wissen sollten: Welche fünf Unternehmen sind es? Welche Waffen werden hier künftig entwickelt, montiert oder getestet? Wer haftet, wenn eine Stadt mit über 600.000 Einwohnern im Ernstfall zum militärischen Ziel wird? Und warum muss eine Oppositionsfraktion erst eine Dringliche Anfrage stellen, damit die Bürger erfahren, was in ihrer Stadt geplant wird?

Der Leipziger Linken-Bundestagsabgeordnete Sören Pellmann hatte schon am 15. Oktober in der Ostdeutschen Allgemeinen erklärt, die Angst vieler Leipziger, zum Ziel russischer Raketen zu werden, sei „nicht unbegründet“: „Jedenfalls braucht Leipzig keine Produktion von Mittelstreckenraketen.“

Die Stadt der Friedlichen Revolution wehrt sich

Viele Leipziger sehen das wie Pellmann. Am Wochenende vor der Ratssitzung zogen Hunderte durch die Innenstadt und forderten, das Covenant-Werk wieder zu schließen. Die Petition der Initiative „Leipzig bleibt friedlich!“ unter dem Titel „Aus der Stadt der Friedlichen Revolution darf keine Stadt der Waffen werden!“ zählt inzwischen über 11.700 Unterschriften. Sie verlangt nach der Leipziger Zeitung „vollständige Transparenz über bestehende und geplante Ansiedlungen von Rüstungsunternehmen“ und einen Verzicht auf neue Festlegungen, bis zivile Alternativen geprüft sind. Genau diese Transparenz verweigert der Oberbürgermeister mit Verweis auf die Vertraulichkeit gegenüber Investoren.

Was die Menschen wollen

Jonas Tögel, der über Kriegspropaganda forscht, beschrieb am 28. Oktober im Gespräch mit Jens Lehrich, was die meisten Menschen verbindet: „dass wir keine Kriege wollen, dass wir keine Milliarden von Rüstungsausgaben wollen. Wir wollen gutes Bildungssystem für unsere Kinder“.

Der frühere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis benannte am 20. Juni bei Glenn Diesen die Rechnung dahinter: Die Regierungen müssten eine skeptische Öffentlichkeit überzeugen, dass „Mittel, die sehr knapp sind“, aus Sozialausgaben, „aus Gesundheit, Bildung und Infrastruktur zu Rheinmetall, zu Dassault für die Waffenproduktion“ umgeschichtet werden.

Über Leipzig hinaus dringt davon kaum etwas. In den Hauptnachrichten von ARD und ZDF kamen die 17 Rüstungsanfragen vom 28. bis 30. Oktober nicht vor, weder in der Tagesschau und den Tagesthemen noch bei heute und dem heute journal.

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