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Krieg und Frieden · Atomwaffen in Europa

Frankreichs Atombomber rücken nach Osten

Norbert Fleischer · 28.10.2026 · 4 Min. Lesezeit

Frankreich holt zehn europäische Staaten unter seinen Atomschirm, darunter Deutschland und Polen. Das berichtet das Wall Street Journal am 26. Oktober unter der Überschrift „Frankreichs Atomstreitkräfte holen die Nachbarn dazu, um Russland in Schach zu halten“ (frei zugänglich im lizenzierten Nachdruck bei To Vima). Beteiligt sind Großbritannien, Deutschland, Polen, die Niederlande, Belgien, Griechenland, Finnland, Norwegen, Schweden und Dänemark. Italien hat abgelehnt. Getragen wird die Abschreckung von Rafale-Kampfjets mit dem Marschflugkörper ASMP-A, der nach dem WSJ „dafür ausgelegt ist, Russlands wichtigste Städte zu treffen“. Über den Einsatz entscheidet allein Paris.

Archivbild aus 2016 · Foto: Clemens Vasters from Viersen, Germany, Germany · „Dassault Rafale B 113-FL (28743086112)“ (Wikimedia Commons) · CC BY 2.0 · Ausschnitt

Wie das praktisch aussieht, zeigte sich eine Woche zuvor. Bei der Übung „Rummy“ am 20. und 21. Oktober begleiteten britische Typhoon-Jäger zum ersten Mal französische Rafale bei einem simulierten Atomschlag, wie Defense News nach einer Mitteilung des französischen Verteidigungsministeriums berichtet. Ministerin Catherine Vautrin: „Unabhängige Atomstreitkräfte zu besitzen, schließt eine Abstimmung nicht aus.“

Am 28. Oktober waren dann drei der vier britischen Atom-U-Boote der Vanguard-Klasse gleichzeitig auf See, eine Marinequelle nannte das gegenüber Al Jazeera „ungewöhnlich“. Die russische Nachrichtenagentur TASS sprach vom ersten solchen Fall seit mehr als fünf Jahren. Am selben Tag erklärte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, neue Storm-Shadow-Marschflugkörper für Kiew zu „legitimen Zielen“ für die russischen Dienste.

Eine zweite Atommacht auf deutschen Flugplätzen

Damit spitzt sich eine gefährliche Entwicklung weiter zu, die seit Jahrzehnten läuft. Bisher ging es um die US-Atombomben vom Typ B61 im Fliegerhorst Büchel und um die nukleare Teilhabe: Deutsche Piloten sollen im Ernstfall amerikanische Bomben ins Ziel tragen. Seit 2025 kam die „Eurobombe“ dazu, die Debatte, ob Frankreichs Atomwaffen auch Europa schützen sollen. Am 5. März 2025 eröffnete Präsident Emmanuel Macron sie nach einem Vorstoß von Friedrich Merz in einer Fernsehansprache. Am 2. März 2026 verkündete er auf dem U-Boot-Stützpunkt Île Longue die Doktrin der „vorgelagerten Abschreckung“: Als letzte Stufe kann ein Teil der französischen Atomstreitkräfte auf das Gebiet von Verbündeten verlegt werden. Am selben Tag vereinbarten Macron und Merz eine gemeinsame nukleare Steuerungsgruppe. Am 17. Juli folgte der deutsch-französische Verteidigungsrat in Nörvenich; die Verlegung von Rafale dorthin gilt als „erster operativer Schritt“ der Zusammenarbeit.

Neu sind zwei Dinge: Eine zweite Atommacht bringt ihre Trägersysteme auf Flugplätze in Deutschland und Polen, und Moskau hat ausdrücklich angekündigt, darauf zu reagieren. Schon am 23. April 2026 sagte Vizeaußenminister Alexander Gruschko, Russland werde für den Fall eines großen Konflikts seine „Liste vorrangiger Ziele“ überarbeiten, gemeint waren die Gastländer der französischen Atombomber (AeroTime). Am 28. Oktober erklärte die russische Botschaft in Paris gegenüber RIA Nowosti, die Einbindung nichtnuklearer Staaten untergrabe die Rüstungskontrolle, eine Stationierung verstoße gegen den Atomwaffensperrvertrag.

Das sieht auch Florian Pfaff so, Major a. D. der Bundeswehr und Sprecher des Darmstädter Signals. In YOUNOST 144 (Min. 42:52) sagte er: Wenn Deutschland „den Knopf mitdrücken“ könne, „dann wäre es ein Verstoß gegen den Atomwaffensperrvertrag“. Eine reine Schutzzusage Frankreichs hält er dagegen für zulässig. Wegen ihrer Bedeutung und Lage galt bislang die Ramstein Air Base als primäres Angriffsziel in einem Krieg mit Russland. Jetzt kommen weitere Flugplätze hinzu.

Seit Jahrzehnten werden Atomwaffen über Europa verteilt

Der Atomwaffenexperte Hans M. Kristensen von der Federation of American Scientists schrieb im Juli 2007: „Eine der letzten Amtshandlungen der Clinton-Regierung Ende 2000 war die Genehmigung, 480 Atombomben zu stationieren“, verteilt auf neun Stützpunkte in sieben europäischen NATO-Ländern. Wie die Teilhabe geregelt ist, beschrieb der US-Publizist Rick Rozoff 2009 auf Global Research: Nach bilateralen Abmachungen stellen die USA die Waffen, Deutschland lagert sie unter US-Bewachung ein und setzt sie auf Befehl der USA oder der NATO ein. Im Strategischen Konzept von Lissabon, dem Grundsatzdokument, mit dem die NATO 2010 ihre Aufgaben für ein Jahrzehnt festlegte, heißt es: „Solange es auf der Welt Atomwaffen gibt, bleibt die NATO ein nukleares Bündnis.“.

Die Stationierung französischer Atombomber östlich von Frankreich ist eine Fortsetzung der nuklearen Teilhabe mit anderem Absender. Wieder entscheidet ein fremdes Land über den Einsatz, wieder trägt Deutschland das Risiko, und wieder regeln Absprachen, die der Bundestag nicht kennt, worüber die Bürger nichts erfahren. Dabei gäbe es durchaus Fragen, die den deutschen Wähler interessieren dürften: Welche Flugplätze in Deutschland erhalten die zweifelhafte Ehre, zum Angriffsziel in einem Atomkrieg zu avancieren? Ist eine Stationierung mit dem Atomwaffensperrvertrag und dem Zwei-plus-Vier-Vertrag vereinbar, der Deutschland 1990 auf den Verzicht auf Atomwaffen verpflichtet hat? Moskaus Reaktion lässt keinen Zweifel: Wer Atomwaffen beherbergt, wird zum Ziel.

Die nukleare Lücke

Die europäischen Staaten versuchen die Lücke zu schließen, die ein Rückzug der USA aus dem Bündnis gegen Russland hinterlassen würde. Der frühere US-Oberst Douglas Macgregor erklärte am 27. Oktober im Gespräch mit Glenn Diesen: „Die NATO verschwindet. Die Amerikaner kommen nicht.“ Amerikanische Truppen würden nie in den erhofften Mengen in Polen stehen.

Im Gespräch des früheren UN-Waffeninspekteurs Scott Ritter mit dem Journalisten Patrik Baab vom 5. Oktober geht es um genau diese Lücke: Briten und Franzosen haben in der Northwood-Erklärung ihre Modelle der nuklearen Abschreckung zusammengeführt. Die Folge wird dort gleich mitbenannt: „Russland wird darauf reagieren, indem es seine Zielplanung verändert“.

Der Propagandaforscher Jonas Tögel weist auf den Widerspruch hinter der westlichen Kriegspropaganda hin. Auf Telegram schrieb er: „Man muss gleichzeitig glauben, dass Russland kurz davor steht, in Deutschland einzumarschieren – während es gleichzeitig kurz vor einer vernichtenden Niederlage in der Ukraine steht.“

Auch die Abschreckungswirkung der Ostverlagerung ist zu bezweifeln. Der US-Politikwissenschaftler John Mearsheimer von der University of Chicago argumentiert seit Jahren, dass Russland Bedrohungen an seiner Grenze als existenziell begreift, so auch am 31. Juli 2025 bei Glenn Diesen: „Sie glauben, dass es ihre Sicherheit in ihrer Existenz bedroht.“. Moskau wird demnach nicht auf Pariser Erklärungen reagieren, sondern auf die Geografie: auf jeden Flugplatz, auf dem eine Rafale mit Atomwaffe landen kann.

Und wieder einmal erfährt die breite Öffentlichkeit nichts von dieser steigenden Kriegsgefahr. Tagesschau, Tagesthemen, heute und heute journal berichteten vom 26. bis 30. Oktober mit keinem Wort über Frankreichs Atombomber für Deutschland und Polen.

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