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Krieg und Frieden · Monatsrückblick

Der Oktober 2026: Atombomber nach Osten, Marschflugkörper aus Leipzig, Polizei vor den Gerichten

Norbert Fleischer · 01.11.2026 · 6 Min. Lesezeit

Der Oktober 2026 beginnt mit einem Versprechen aus Washington, vor den Zwischenwahlen den Krieg gegen Iran nicht wieder aufzunehmen, gegeben am 8. Oktober, und er endet mit einem Befehl aus Teheran, „ohne geografische Beschränkung“ zurückzuschlagen. Dazwischen liegen 31 Tage, in denen fast jede Linie, die diese Seite verfolgt, härter geworden ist. Ein Rückblick, Linie für Linie, mit Datum und Beleg.

Archivbild aus 2008 · Foto: Buroll · „Fliegerhorst Büchel von Westen“ (Wikimedia Commons) · gemeinfrei · Ausschnitt

Krieg und Frieden: Der Krieg bekommt einen Kalender

Am 8. Oktober sagte Präsident Trump zu, die Angriffe auf Iran nicht vor den Zwischenwahlen am 3. November wieder aufzunehmen (AP). Am 21. Oktober ordnete das US-Außenministerium die Ausreise der nicht unverzichtbaren Regierungsmitarbeiter aus Saudi-Arabien an (CBS News). Am 30. Oktober berichtete der Sender MS NOW unter Berufung auf drei Regierungsvertreter vom Golf, Washington habe die Verbündeten auf „eine kurze, intensive Angriffswelle, schon am 4. November“ vorbereitet. Einen Tag später befahl Revolutionsführer Mojtaba Khamenei eine „unverzügliche, wirksame und geografisch unbeschränkte Antwort“ und eine neue Zielliste gegen amerikanische Einrichtungen (PressTV). Aus „nach der Wahl“ wurde ein Datum, aus der Golfregion ein Raum ohne Grenzen. Die Bundesregierung schränkt die Nutzung von Ramstein für diesen Krieg bis heute nicht ein.

Auch die atomare Linie verschob sich nach Osten. Am 20. und 21. Oktober begleiteten britische Typhoon bei der Übung „Rummy“ erstmals französische Rafale bei einem simulierten Atomschlag (Defense News). Am 26. Oktober berichtete das Wall Street Journal, Frankreich hole zehn Staaten unter seinen Atomschirm, darunter Deutschland und Polen (Nachdruck bei To Vima). Am 28. Oktober waren drei der vier britischen Atom-U-Boote der Vanguard-Klasse gleichzeitig auf See (Al Jazeera).

Beim Ukrainekrieg zeigte die Richtung erstmals seit langem auf Verhandlungen, nur ohne Europa. Am 21. Oktober empfing Putin den US-Sondergesandten Steve Witkoff in St. Petersburg (Tagesschau). Tags darauf sagte er, Washington wolle auch über „die Architektur der europäischen Sicherheit reden“ (Life.ru). Am 30. Oktober meldete Reuters, das Pentagon habe Estland, Lettland und Litauen aufgefordert, ihre Rhetorik gegenüber Moskau zu mäßigen (Defense News). Am 31. Oktober kündigte Selenskyj in Istanbul ein Dreiertreffen mit den USA und Russland für die erste Novemberhälfte an (Ukrinform). Berlin hält derweil an der Linie fest, die Washington gerade verlässt.

Aufrüstung: Kasernen, Fabriken, Horchposten

Am 5. Oktober eröffnete die US-Firma Covenant im Leipziger Norden ihre Fabrik für den Marschflugkörper Anthem mit mehr als 1.000 Kilometern Reichweite, ab 2028 sollen jährlich 5.000 Stück entstehen (Sachsen Fernsehen). Am 28. Oktober räumte die Stadt ein, dass 17 weitere Rüstungs- und Dual-Use-Firmen angefragt haben (Ostdeutsche Allgemeine). Mitte Oktober beriet der Bundestag in erster Lesung das Reservestärkungsgesetz, das Reservisten verpflichtend heranziehen soll.

Vom 19. bis 29. Oktober übte die Bundeswehr zum ersten Mal beim japanisch-amerikanischen Manöver „Keen Sword“ mit (Bundeswehr). Am 28. Oktober erklärte der Inspekteur des Cyber- und Informationsraums, Vizeadmiral Thomas Daum, die deutsche Brigade in Litauen werde mit elektronischer Kampfführung nach Belarus und Kaliningrad hineinhorchen (Reuters). Am 29. Oktober beschloss Litauen die allgemeine Wehrpflicht ab 2032 (LRT), und in Luckenwalde eröffnete das Rote Kreuz Deutschlands größtes Bevölkerungsschutzzentrum, bei dem nach der Deutschen Presse-Agentur „der Zivilschutz im Kriegsfall“ eine besondere Rolle spielt (dpa). Am 30. Oktober genehmigten die USA den Verkauf von 500 Patriot-Raketen an die Ukraine für 2,1 Milliarden Dollar, bezahlt unter anderem von Deutschland, „es werden keine US-Gelder verwendet“ (Defence Industry Europe).

Die Zahl dahinter: Der Verteidigungsetat steigt 2027 auf 109,7 Milliarden Euro, dazu kommen 29,9 Milliarden aus dem Sondervermögen (Bundestag). Und die Antwort der Jungen: Bis Ende September verweigerten 14.977 junge Menschen den Kriegsdienst per Antrag, fast viermal so viele wie im ganzen Vorjahr (evangelisch.de).

Wirtschaft und Energie: Teurer Winter, billige Löhne

Am 9. Oktober verkündete Trump einen Diesel-Handel mit Putin, setzte Teile eines neuen Sanktionsgesetzes gegen Russland aus und drohte Europa mit einem Exportverbot für amerikanischen Diesel (Reuters bei ARY News). Am 13. Oktober meldete das Statistische Bundesamt für September eine Inflation von 3,3 Prozent, Energie war fast 15 Prozent teurer als ein Jahr zuvor (Destatis). Am 28. Oktober kostete Erdgas im europäischen Großhandel erstmals seit 2022 wieder mehr als 100 Euro je Megawattstunde (AFP). Am selben Tag erklärte die EU-Kommission, russisches Gas komme „unabhängig davon, was passiert“ nicht zurück, auch nicht nach einem Frieden (Euronews). Am 30. Oktober meldete die Bundesnetzagentur einen Speicherstand von 61,6 Prozent, das Winterziel war verfehlt (Bundesnetzagentur), und Kanzler Merz bezifferte die Mehrkosten der Energie für Europa auf über 100 Milliarden Euro (dpa-AFX).

Die Rechnung landet beim Lohn. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer will das VW-Werk Zwickau in eine eigene Firma ausgliedern und verlangte am 26. Oktober: „Wir müssen raus aus dem jetzigen tariflichen Rahmen“ (dpa). Die Arbeitgeber der Metallindustrie bieten 1,3 Prozent mehr Lohn, ab Juli 2028. Seit dem 1. November um Mitternacht wird gestreikt (dpa). Zur gleichen Zeit meldet Rheinmetall ein „Rekordwachstum“ (Rheinmetall), und in Osnabrück soll ein VW-Werk zur Rüstungsfabrik werden (zdfheute).

Sozialstaat: Gekürzt wird bei den Schwächsten

Am 8. Oktober rechnete das Kiel Institut vor, dass von den rund 100 Milliarden Euro, die Berlin als Ukraine-Hilfe ausweist, nur 41,7 Milliarden tatsächlich an das Land gingen (Kiel Institut). Am 22. Oktober legte Finanzminister Lars Klingbeil die Steuerschätzung vor, mit über einer Billion Euro Einnahmen für 2027 und dem Satz: „Für 2027 gewinnen wir insgesamt keine neuen Spielräume hinzu“ (dpa). Für die Rüstung gilt das nicht, für die Pflege schon. Nach dem Pflegeneuordnungsgesetz, über das der Bundestag am 5. November zum ersten Mal berät, verlieren 952.213 Menschen mit Pflegegrad 1 den Entlastungsbetrag von bis zu 131 Euro im Monat (Gesundheitsministerium). Die Einsparung von 400 Millionen Euro im ersten Jahr gibt der Verteidigungshaushalt in 32 Stunden aus.

Am 31. Oktober gingen in mehr als 30 Städten junge Menschen auf die Straße, mit dem Ruf „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft!“ (t-online nach dpa). Der Sozialstaat und die Aufrüstung sind für sie ein und dieselbe Frage.

Grundrechte: Der Verdacht wird zur Methode

Am 12. Oktober warnte der frühere Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, in der Anhörung zur Reform des Nachrichtendienstrechts, die neuen Befugnisse könnten der „Bekämpfung von Regierungskritikern“ dienen (Bundestag). Die EU verlängerte die Sanktionen gegen den Schweizer Militäranalysten Jacques Baud bis Oktober 2027, ohne Anklage und ohne Urteil (Swissinfo). Am 27. Oktober schlug die EU-Kommission vor, Frontex soziale Netzwerke überwachen zu lassen (netzpolitik.org).

Am 28. Oktober nahm die Bundespolizei den Publizisten Paul Brandenburg am Flughafen BER fest, ein Haftrichter ordnete wegen Fluchtgefahr Untersuchungshaft an, vorgeworfen werden ihm nach Angaben seiner Verteidigung Äußerungen über Berlins Regierenden Bürgermeister (Tagesspiegel); es gilt die Unschuldsvermutung. Am selben Tag verlangte die Junge Union in Berlin-Mitte, „vorsorglich die Bundeswehr“ gegen Schülerproteste einzusetzen, und das Bundesamt für Verfassungsschutz warnte, „Teile der linksextremistischen Szene“ griffen die Aufrufe zum Jugendprotest auf (taz nach AFP). Das sächsische Landesamt zählte „Anti-Wehrpflicht“ zu den Themen, die Extremisten nutzen könnten (t-online). Am 30. Oktober schließlich riegelte in Warschau die Polizei das Verfassungsgericht ab, eines Landes, dessen Regierung im März das Veto des Präsidenten gegen 44 Milliarden Euro Rüstungskredite per Resolution umgangen hatte (Notes from Poland).

Die Bilanz: Ein Monat näher am Krieg

Im Oktober 2026 hat Deutschland eine Fabrik für Marschflugkörper mit 1.000 Kilometern Reichweite bekommen, eine zweite Atommacht auf dem Weg zu seinen Flugplätzen, eine Brigade, die an der russischen Grenze mithört, und einen Iran, der jede Basis zum Ziel erklärt, die einem Angriff dient. Es hat dafür bezahlt: mit Gas über 100 Euro, mit bis zu 131 Euro weniger im Monat für fast eine Million Pflegebedürftige, mit Raketen für die Ukraine, die Washington verkauft und Berlin mitbezahlt. Und wer widerspricht, bekommt es mit dem Verfassungsschutz zu tun, mit dem Haftrichter oder mit einer Grenzbehörde, die im Netz mitliest.

Das Paradox des Monats: Die Schutzmacht USA verhandelt mit Moskau über die Sicherheit Europas und mahnt die Balten zur Mäßigung. Berlin dagegen rüstet weiter, als hätte sich nichts geändert. Moskau beobachtet das genau. Juri Uschakow, außenpolitischer Berater Putins, spottete am 28. Oktober über die Europäer, sie könnten nach Abu Dhabi kommen, „wenn sie Tickets kaufen, aber niemand wird sie an den Verhandlungstisch einladen“ (EADaily).

Wer nur die Hauptnachrichten sah, erlebte einen anderen Monat. Dass Washington über die europäische Sicherheitsarchitektur reden will, fehlte zwischen dem 21. und dem 30. Oktober in allen vier Hauptnachrichtensendungen von ARD und ZDF. Den Befehl aus Teheran erwähnte am 31. Oktober keine der vier Sendungen. Ein Land wird auf Krieg umgestellt, und seine Bürger erfahren es Stück für Stück, wenn überhaupt.

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