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Norbert FleischerJournalismus · Medienproduktion · Public Relations
Krieg und Frieden · Iran-Krieg

„Ohne geografische Beschränkung“: Teheran schreibt eine neue Zielliste. Steht Ramstein darauf?

Norbert Fleischer · 01.11.2026 · 4 Min. Lesezeit

Irans Revolutionsführer Mojtaba Khamenei hat die obersten Kommandeure der Streitkräfte angewiesen, auf jede neue Bedrohung mit einer „unverzüglichen, wirksamen und geografisch unbeschränkten Antwort“ zu reagieren. Das meldet der iranische Staatssender PressTV am 31. Oktober nach einem Treffen Khameneis mit Generalstabschef Ali Abdollahi, Armeechef Amir Hatami und dem Kommandeur der Revolutionsgarden, Ahmad Vahidi. Khamenei verlangte eine „umfassende Aktualisierung der militärischen Zieldatenbank“, damit „alle materiellen und immateriellen Einrichtungen des amerikanisch-zionistischen Feindes“ in Reichweite der Streitkräfte kämen. Würde Iran erneut angegriffen, dann bestimmten die Streitkräfte und das iranische Volk, „wann und unter welchen Bedingungen diese Angriffe enden“. Die Kommandeure meldeten hohe Bereitschaft an der Küste des Persischen Golfs, in der Straße von Hormus und im Golf von Oman sowie eine vervielfachte Produktion wichtiger Munition.

Archivbild aus 2017 · Foto: Gerd Eichmann · „Ramstein Air Base von Burg Nanstein-02-2017-gje“ (Wikimedia Commons) · CC BY 4.0 · Ausschnitt

Noch am selben Tag legte Abdollahi nach. Die Streitkräfte hätten „eine neue Liste feindlicher Ziele und Einrichtungen“ auf ihre Agenda gesetzt, sie würden den Feind „mit Macht, mit Härte und ohne geografische Grenzen“ treffen, sagte er nach PressTV. Jede neue Aggression werde mit „einer unvorstellbaren Antwort“ beantwortet, „gewiss heftiger und wirksamer als der dritte aufgezwungene Krieg“. So nennt Teheran den Krieg, der am 28. Februar 2026 mit amerikanischen und israelischen Angriffen begann.

In der Nacht zuvor hatte Außenminister Abbas Araghtschi den Bundeskanzler persönlich ins Visier genommen. Merz hatte am 30. Oktober zum Abschluss seines Besuchs in Südkorea gesagt: „Dieser Konflikt lässt sich nicht militärisch lösen.“ Allein die höheren Energiepreise hätten Europa mehr als 100 Milliarden Euro gekostet (dpa-AFX). Araghtschi antwortete auf X: „Als die israelisch-amerikanischen Bombardierungen Irans im vergangenen Jahr begannen, hat Herr Merz sie begrüßt.“ Die 100 Milliarden seien „nichts im Vergleich zu dem erderschütternden Schlag“, den Irans Streitkräfte gegen jeden führen würden, der seinem Volk schade. Und: „Rote Linien gehören der Vergangenheit an.“ Gemeint ist Merz’ Satz vom 17. Juni 2025 im ZDF, Israel mache mit den Angriffen auf Iran „Drecksarbeit für uns alle“.

Aus dem Kriegsgebiet wird ein Kriegsraum

Die Drohungen wachsen jetzt auf beiden Seiten, und diesmal antwortet Teheran, bevor der Schlag fällt. Seit Wochen bereitet Washington nach übereinstimmenden Berichten einen neuen Angriff vor, gerechnet wird mit einem Termin nach den Zwischenwahlen am 3. November. Am 29. Oktober ließ sich Präsident Trump vom Befehlshaber des Zentralkommandos CENTCOM, Admiral Brad Cooper, im Weißen Haus über militärische Optionen unterrichten, so das Wall Street Journal (nach dpa-AFX). Mehr als zehn amerikanische Militärtransporter landeten in der Woche davor auf israelischen Stützpunkten in der Negev-Wüste (Times of Israel).

Neu ist die Reichweite der Drohung. Bisher galten als Ziele vor allem amerikanische Stützpunkte am Golf und Israel selbst. „Ohne geografische Beschränkung“ heißt: Jede Einrichtung, die einem Angriff dient, kann getroffen werden, gleich wo sie steht. Für Deutschland ist das keine abstrakte Frage. Die Bundesregierung lehne den Krieg gegen Iran inzwischen „strikt ab“, schränke die Nutzung der amerikanischen Stützpunkte in Deutschland für die Angriffe aber nicht ein, schrieb der Tagesspiegel am 7. April. Schon im März hatte der iranische Botschafter Madschid Nili von Berlin eine Klarstellung zur Nutzung der Ramstein Air Base verlangt (junge Welt, 21. März). Kanzler Merz und Verteidigungsminister Pistorius versicherten damals, es sei „nicht unser Krieg“.

Spanien sagte Nein

Dass es auch anders geht, zeigte Madrid. Wenige Tage nach dem Angriff vom 28. Februar untersagte Spanien den USA, seine Stützpunkte für Angriffe auf Iran zu nutzen. Der Propagandaforscher Jonas Tögel zitierte am 4. März auf Telegram die spanische Verteidigungsministerin Margarita Robles: „Operationen, die von den Stützpunkten ausgehen, müssen im Rahmen des Völkerrechts erfolgen.“ Deutschland, schrieb Tögel, habe dagegen Unterstützung zugesagt.

Der frühere US-Diplomat Chas Freeman, einst Botschafter in Saudi-Arabien, beschrieb die Folgen am 25. Mai im Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Glenn Diesen: Es gebe jetzt „NATO-Mitglieder, die den Vereinigten Staaten die Nutzung ihres Luftraums oder ihrer Stützpunkte verweigern“. Und es habe sich gezeigt, dass die Stützpunkte in Europa „größtenteils nicht dazu da sind, die Europäer vor einer sagenhaften russischen Bedrohung zu schützen“, sondern als Sprungbrett für Einsätze der USA.

Wer Kriege von seinem Boden aus führen lässt, macht seinen Boden zum Ziel. Daraus folgen Fragen, die bis zum 3. November beantwortet sein müssten. Hat die Bundesregierung Washington erklärt, ob Ramstein, Spangdahlem oder das Hauptquartier in Stuttgart für einen zweiten Schlag gegen Iran genutzt werden dürfen? Wie verträgt sich das mit Artikel 26 des Grundgesetzes, der die Vorbereitung eines Angriffskrieges verbietet? Wie werden die Menschen in der Westpfalz geschützt, wenn Teheran seine Drohung ernst meint? Und warum soll Spanien Nein sagen dürfen, Deutschland aber nicht?

Teherans Kalkül

In Teheran gilt die Drohung als Abschreckung, nicht als Ankündigung eines Erstschlags. Khamenei selbst nannte die Kampfbereitschaft nach PressTV „eine Grundvoraussetzung, um die größtmögliche Abschreckung zu erreichen“. Sicherheitsratssekretär Mohsen Rezaei hatte Europa schon am 30. Oktober vorgehalten, gestern noch stolz auf die „Drecksarbeit“ Israels gewesen zu sein und heute über die Kosten zu klagen (IRNA). Aus iranischer Sicht ist der Befehl die Antwort auf einen Angriff, der in Washington bereits vorbereitet wird.

Was auf dem Spiel steht, zeigt ein Blick auf die Karte. Die Kommandeure meldeten Bereitschaft in der Straße von Hormus, durch die ein großer Teil des Öls vom Golf nach Europa und Asien fährt. Wird die Meerenge zum Schlachtfeld, steigen die Preise, die Merz schon jetzt auf 100 Milliarden Euro beziffert, weiter.

Was sich am Golf zusammenbraut, kam am Samstagabend im Ersten und im Zweiten nicht vor. Weder die Tagesschau noch die Tagesthemen, heute oder das heute journal erwähnten am 31. Oktober den Iran, den Befehl aus Teheran oder Araghtschis Angriff auf den Kanzler.

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