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Krieg und Frieden · Ukrainekrieg

Tote auf dem Bahnsteig, ein Frachter vor Bulgarien versenkt: Die Spirale erreicht die NATO-Küste

Norbert Fleischer · 29.10.2026 · 4 Min. Lesezeit

Am Hauptbahnhof von Dnipro hat am 29. Oktober eine russische Drohne einen Bahnsteig getroffen, auf dem Menschen auf den Zug nach Saporischschja warteten. Nach ukrainischen Angaben starben 14 Menschen, mindestens 14 wurden verletzt, sechs davon schwer, darunter ein elfjähriger Junge. Die ukrainische Staatsbahn Ukrsalisnyzja sprach von einer „düsengetriebenen russischen Drohne“ (Al Jazeera). Matthias Schmale, der Humanitäre Koordinator der Vereinten Nationen für die Ukraine, verurteilte den Angriff am selben Tag in einer Erklärung: „Die Bilder aus Dnipro dürfen nicht zu einer weiteren Geschichte werden, die aus dem Blick gerät.“

Archivbild aus 2021 · Foto: Toss12 · „Dnipro railway station. Platforms“ (Wikimedia Commons) · CC BY 4.0 · Ausschnitt

Für Moskau war es ein Schlag gegen den Nachschub. Das Verteidigungsministerium meldete am selben Tag, man habe binnen 24 Stunden „ukrainische Objekte der Verkehrsinfrastruktur, die von den ukrainischen Streitkräften genutzt werden“, getroffen (TASS).

In der Nacht davor lief die Gegenrichtung. Nach dem russischen Verteidigungsministerium schoss die Luftabwehr binnen 24 Stunden 1.425 ukrainische Flugzeugdrohnen ab, 1.214 davon in der Nacht (Interfax). Nach TASS-Zählung war es eine der größten Drohnenattacken des Jahres (TASS), mehr als 600 flogen auf Moskau zu, wo gerade der Russland-Afrika-Gipfel tagte. Kremlsprecher Dmitri Peskow nannte das „sehr seltsam“ (Al Jazeera).

Ein Frachter auf dem Weg nach Constanța

Am Mittag des 28. Oktober trafen drei Überwasserdrohnen, also unbemannte Sprengboote, den Containerfrachter „Contship Jet“ rund 17 Seemeilen östlich von Kap Kaliakra vor der bulgarischen Küste. Das Schiff unter liberianischer Flagge, betrieben von einer griechischen Reederei, war für die israelische Reederei ZIM unterwegs von Haifa nach Constanța in Rumänien (Maritime Executive). Die bulgarische Marine rettete alle 18 Seeleute, 14 Filipinos und vier Ukrainer. Gegen Mitternacht sank der Frachter. Die Militärstaatsanwaltschaft in Sofia ermittelt, einen Täter nennt sie nicht (Fakti.bg).

Es ist eine Serie. Die „Contship Jet“ ist das neunte Handelsschiff, das seit Anfang Oktober im westlichen Schwarzen Meer getroffen wurde; nach Reuters sind 34 Seeleute tot oder vermisst. Am 6. Oktober versenkten Drohnen rund 80 Seemeilen vor dem bulgarischen Byala ein Schiff, von dessen Besatzung „keine Spur“ blieb (Al Jazeera). Die Verteidigungsminister Bulgariens, Rumäniens und der Türkei stellten in Sofia fest, dass „zahlreiche Handelsschiffe von den Parteien im Schwarzen Meer angegriffen“ worden seien, also von beiden Seiten.

Wer die „Contship Jet“ versenkt hat, ist offen. Moskau meldete am 29. Oktober lediglich, man habe auf See einen Frachter getroffen, der „Fracht für das Militär und mit doppeltem Verwendungszweck“ nach Odessa gebracht habe (TASS). Nach russischer Lesart ist damit jedes Schiff, das ukrainische Häfen beliefert, ein Ziel.

Die Spirale seit dem Sommer

Beide Seiten legen nach. Am 14. Oktober meldete Moskau 902 abgeschossene Drohnen, als Rekord des Jahres nennt TASS den 20. September mit 1.951 (TASS). Russland antwortet mit Schlägen auf Strom, Brücken und Bahn. Schon am 17. September 2025 beschrieb der Filmemacher Wilhelm Domke-Schulz in YOUNOST 114, wie Moskau Bahnen und Brücken lange „relativ zu verschonen“ suchte und die Angriffsziele änderte, nachdem die Ukraine Raffinerien und die Druschba-Ölleitung angriff.

Neu ist der Ort. Die Angriffe auf Handelsschiffe liegen inzwischen vor der Küste zweier NATO-Staaten. Genau diesen Fall hat die US-Denkfabrik RAND im Dezember 2022 in einer Studie von Bryan Frederick, Samuel Charap und Karl P. Mueller über einen begrenzten russischen Angriff auf die NATO durchgespielt. Ihr Befund in der Übersetzung von Fee Strieffler und Wolfgang Jung: „Allerdings würden russische Angriffe, die militärische und zivile Opfer in der NATO zur Folge haben, den Spielraum für diplomatische Initiativen wahrscheinlich einschränken.“ Stirbt ein Seemann aus einem NATO-Land, ist der Ruf nach Artikel 5, der Beistandsklausel des Bündnisses, nicht weit.

Wer zahlt, eskaliert mit

Die Drohnen dieses Herbstes werden zu einem guten Teil mit europäischem Geld gebaut. Am 7. Oktober überwies die EU-Kommission 1,24 Milliarden Euro für Drohnen, Abfangdrohnen, Drohnenmunition und Raketen aus ukrainischer Fertigung (EU-Kommission), am 14. Oktober weitere 2,86 Milliarden (EU-Kommission), beides aus dem 90-Milliarden-Kredit für die Ukraine. Zugleich fehlt der Ukraine die Luftabwehr. Serhij Beskrestnow, genannt „Flash“, Berater des ukrainischen Präsidenten für technologische Verteidigung, sagte am 29. Oktober, für den Schutz Kiews im Winter brauche man „etwa 4 bis 5 Prozent des US-Bestands“ an Patriot-Raketen (TSN). Einen Tag später gab das US-Außenministerium den Verkauf von 500 Patriot-Abfangraketen für 2,1 Milliarden Dollar frei, bezahlt unter anderem von Deutschland, Kanada und Norwegen (The Moscow Times).

Offen bleibt, was jeden Steuerzahler unmittelbar angeht: Wie viel deutsches Steuergeld steckt in den Drohnen, die auf Moskau fliegen, und wie viel in den Raketen, die die russische Antwort abfangen sollen? Wer schützt die zivile Schifffahrt vor der Küste Bulgariens und Rumäniens, und was tut die Bundesregierung, wenn dort Seeleute eines NATO-Landes sterben? Und warum setzt Berlin auf immer neue Milliarden statt auf Verhandlungen?

Zur Einordnung

Der US-Politologe John Mearsheimer, einer der bekanntesten Vertreter der realistischen Schule, sagte am 28. Oktober in einem Gespräch mit dem Norweger Glenn Diesen, als die Ukrainer ihre „umfangreiche 40-tägige Drohnenkampagne gegen Russland“ begannen, sei Putin „gezwungen gewesen, in erheblichem Umfang zurückzuschlagen. Also zog er die Samthandschuhe aus.“

Der frühere Leiter der Russland-Analyse der CIA, George Beebe, warnte am 29. Oktober ebenfalls bei Diesen: Ohne echte Fortschritte bei der Beendigung der Kämpfe werde die Ukraine diesen Winter „in einer enorm schwierigen Lage“ sein, ohne Strom, Wärme und wohl auch Wasser. „Das wird eine humanitäre Krise.“

Der Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser sagte am 28. Oktober im Gespräch mit Transition TV und Manova über den Krieg: „Und das ist eine offene Wunde in Europa.“ Statt sie zu pflegen, tue Europa das Gegenteil: „Es wird immer neuer Dreck in die Wunde geworfen.“

Die Fernsehzuschauer bekommen davon nur einen Ausschnitt zu sehen. Den Angriff auf den Bahnhof von Dnipro meldete am 29. Oktober allein heute, die Tagesthemen erwähnten ihn erst einen Tag später in einem Nebensatz. Die ukrainische Drohnenwelle gegen Russland brachten Tagesschau, Tagesthemen, heute und heute journal vom 28. bis 30. Oktober mit keinem Wort, den versenkten Frachter vor Bulgarien ebenso wenig. Die Tagesthemen wussten am 30. Oktober nur allgemein, die russische Armee gehe „weiter aggressiv gegen Handelsschiffe vor“. Dass die Anrainer von Angriffen beider Seiten sprechen, erfuhr niemand.

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