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Wirtschaft und Energie · Energie

Gas über 100 Euro: Der zweite Krisenwinter ist hausgemacht

Norbert Fleischer · 28.10.2026 · 3 Min. Lesezeit

Zum ersten Mal seit 2022 kostet Erdgas im europäischen Großhandel wieder mehr als 100 Euro je Megawattstunde. Am 28. Oktober stieg der Terminkontrakt TTF an der niederländischen Energiebörse auf 100,45 Euro, berichtet die Nachrichtenagentur AFP (Straits Times), nach Reuters der höchste Stand seit Dezember 2022. Seit Jahresbeginn hat sich der Preis mehr als verdreifacht (APA). Gründe sind der Krieg im Nahen Osten, die gestörten Flüssiggaslieferungen aus Katar, niedrige Speicher und der Beginn der Heizperiode. Die Haushalte trifft das großteils erst mit den neuen Verträgen 2027.

Archivbild aus 2016 · Foto: Axel Hindemith · „Gasspeicheranlagen Rehden“ (Wikimedia Commons) · CC BY-SA 3.0 · Ausschnitt

Wie knapp es wird, zeigt der Bericht der EU-Energieregulierungsbehörde ACER vom 27. Oktober (PDF). Die EU braucht in diesem Winter rund 900 Terawattstunden Flüssiggas, mehr als im schlimmsten der vergangenen fünf Winter. Bleiben die Lieferungen unter dem Durchschnitt, „Eine Senkung der Nachfrage könnte erforderlich werden“: Dann müsste der Verbrauch um sechs Prozent sinken, notfalls auch über staatliche Eingriffe außerhalb des Marktes. Die Speicher der EU waren am 21. Oktober zu 75 Prozent gefüllt (ACER). Rehden, der größte deutsche Speicher, nur zu 18 Prozent.

Ein Detail im Bericht ist bemerkenswert: ACER rechnet die russischen Pipelinelieferungen auf dem Niveau des vergangenen Winters fest ein. Ohne russisches Gas geht es auch nach vier Jahren Sanktionen nicht.

EU-Energiekommissar Dan Jørgensen sagte dem ungarischen Portal 444 am 24. Oktober, wer sich das Heizen nicht leisten könne, müsse praktisch zwischen „nicht essen“ und „sich erkälten“ wählen. Ein Kommissar beschreibt die Folgen der Politik, die er selbst vertritt.

Wer anderen eine Grube gräbt

Die Geschichte geht weiter, und sie wird teurer. Am 26. September 2022 wurden die Nord-Stream-Leitungen in der Ostsee gesprengt. Der US-Investigativjournalist Seymour Hersh schrieb am 8. Februar 2023 „Wie Amerika die Nord-Stream-Pipeline ausschaltete“. In seinem Folgetext vom 22. März 2023 zitierte er die Energieexpertin Sarah Miller: Die Zerstörung habe zu einem weiteren Preisanstieg geführt, bei Preisen, die ohnehin schon „das Sechsfache oder mehr des Vorkrisenniveaus“ betrugen.

Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg steht seit Oktober der frühere ukrainische Offizier Serhij Kusnezow, angeklagt wegen der Sprengung. Am 27. Oktober lehnte das Gericht den Antrag der Verteidigung ab, das Verfahren einzustellen (AP). Die Verteidigung hatte argumentiert, die Leitungen seien zur Tatzeit keine zivilen Anlagen gewesen. Verhandelt wird an 16 Tagen bis zum 17. Dezember und weiter bis Februar 2027 (Berliner Zeitung). Ob dort nur ein Ausführender vor Gericht steht oder auch nach dem Auftraggeber gefragt wird, ist die eigentliche Frage des Prozesses.

Russlands Präsident Wladimir Putin nannte die Sprengung beim Gipfel der gasexportierenden Länder am 27. Oktober „direkte Terrorakte“. Den Verzicht der EU auf russische Energie kommentierte er mit dem Sprichwort: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

Der Berliner Wirtschaftsanwalt Wolfgang Hummel hatte es in YOUNOST 136 (Min. 01:01:59) schon im Juni vorausgesagt: Deutschland rutsche in „neue, noch gravierende Abhängigkeiten“ und bezahle sie „mit einem drei bis vierfach höheren Preis“. Die Rechnung ist da. Im ersten Quartal 2026 meldeten bereits 4.573 Personen- und Kapitalgesellschaften Insolvenz an (IWH).

Fragen, die niemand stellt

Was kostet der Verzicht auf russisches Gas einen Haushalt im Jahr 2027? Wer bereitet die Bürger darauf vor, dass Brüssel im Notfall den Verbrauch begrenzen will? Und warum gilt russisches Pipelinegas in den Rechnungen der EU als fest eingeplant, in den Reden ihrer Politiker aber als Tabu?

Der britische Kommentator Alexander Mercouris, Moderator von „The Duran“, sagte am 26. Oktober in der Sendung von Glenn Diesen: „Der Krieg steht allem im Weg.“ Wegen des Krieges könne kein Gas aus Russland kommen, und das beschleunige die Deindustrialisierung Deutschlands. Über Bundeskanzler Merz sagte er, für ihn sei die deutsche Wirtschaft „weniger wichtig als Russland und die Ukraine“.

Douglas Macgregor, Oberst a. D. der US-Armee und einst Berater im Pentagon, sagte am 27. Oktober bei Diesen: „Wir hätten die Nord-Stream-Pipeline nicht zerstören müssen. Es gab keine Bedrohung.“ Und weiter: „Aber wir haben es getan. Es war ein riesiger Fehler.“ Ein amerikanischer Oberst sagt „wir“.

Der Schweizer Historiker Daniele Ganser hatte schon am 8. September auf seinem Kanal erklärt, die Leitungen seien am 26. September 2022 gesprengt worden, „Meiner Meinung nach von den Amerikanern“. Der Journalist Patrik Baab fragte am 15. Oktober in seiner Sendung, ob Washington oder amerikanische Konzerne „uns in Deutschland die Gaspreise diktieren werden“, wenn die USA bei Nord Stream einsteigen. Seine Antwort: „Es läuft leider leider darauf hinaus.“

Sahra Wagenknecht, Gründerin des BSW, forderte am 28. Oktober in einem Video: „Gasmangel – Handeln Sie jetzt, Herr Merz!“

Wer abends den Fernseher einschaltet, hört davon nichts. Weder Tagesschau noch Tagesthemen, weder heute noch heute journal brachten vom 28. bis 30. Oktober einen einzigen Beitrag zum Gaspreis oder zu den Speichern.

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