Winterziel verfehlt: Gasspeicher bei 61,6 Prozent – und Brüssel schließt Nord Stream für immer aus
Am 1. November sollten die deutschen Gasspeicher zu rund 70 Prozent gefüllt sein. Sie sind es nicht. Die Bundesnetzagentur meldete am 30. Oktober einen Füllstand von 61,6 Prozent, das sind 152,4 Terawattstunden, „deutlich niedriger als in den Vergleichszeiträumen vergangener Jahre“. Noch am selben Tag räumte ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums in der Regierungspressekonferenz ein, das Ziel sei verfehlt. Ein höherer Füllstand wäre wünschenswert gewesen, aber „man sollte den Blick nicht allein auf die Füllstände der Gasspeicher richten“ (Investing.com). Schuld seien die Spannungen in der Straße von Hormus. Heute habe Deutschland Flüssiggasterminals und Leitungen aus Norwegen, anders als 2022.

Die 70 Prozent sind ein Durchschnitt. Die Gasspeicherfüllstandsverordnung von 2025 verlangt zum 1. November 80 Prozent je Speicher, für sechs Anlagen, darunter Rehden in Niedersachsen, nur 45 Prozent. Die Bundesnetzagentur hält das Erreichen dieser Ziele inzwischen für nicht zwingend. Sie rechnet mit einem eher niedrigen Speicherstand zum Ende des Winters und empfiehlt den Haushalten, sparsam zu heizen.
Wie der Gaspreis über 100 Euro je Megawattstunde stieg und warum die EU-Regulierer schon mit Verbrauchsbeschränkungen rechnen, stand hier am 28. Oktober.
Italien zeigt auf Berlin
Neu ist der Streit unter Nachbarn. Alessandro Noce, Generaldirektor für Energiemärkte im italienischen Ministerium für Umwelt und Energiesicherheit, sagte am 29. Oktober in Mailand nach Energia Oltre: „Die Preise liegen jetzt bei 100 Euro, weil die Deutschen kaufen, sonst lägen sie bei 70 Euro.“ Berlin habe das Befüllen hinausgeschoben, Italien dagegen 300 Millionen Euro ausgegeben, um seine Speicher rechtzeitig zu füllen. Das Wirtschaftsministerium wies die Vorwürfe als unbegründet zurück, die Wirkung auf die Preise sei „auf ein Minimum reduziert“ (Energia Oltre). Tatsächlich hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche den Staatskonzern SEFE erst im Herbst angewiesen, bis Mitte Dezember zusätzlich acht Terawattstunden einzuspeichern (Börse Express). Die Bundesregierung, die monatelang auf den Markt vertraut hat, kauft also im teuersten Moment nach.
Bundeskanzler Friedrich Merz bezifferte am 30. Oktober in Seoul die Kosten: Die gestiegenen Energiepreise hätten Europa „mehr als hundert Milliarden Euro in den letzten acht Monaten“ gekostet (dpa). Er meinte den Irankrieg. Dass Deutschland seit 2022 auf russisches Pipelinegas verzichtet, kam in seiner Rechnung nicht vor.
Washington bietet an, Brüssel sagt nie
Damit wird eine Linie härter, die mit der Sprengung von Nord Stream im September 2022 begann. Neu ist zweierlei. Erstens legen ausgerechnet die USA die Leitung wieder auf den Tisch. Nach Reuters sprachen der US-Sondergesandte Jared Kushner und Kirill Dmitrijew, ein enger Berater Putins, über einen US-Investor bei Nord Stream. Das Bundeswirtschaftsministerium nannte eine Wiederinbetriebnahme damals „nicht gewünscht“. Der Economist nannte die Rückkehr russischen Gases nach Europa am 22. Oktober „das jüngste Zugeständnis, das Washington Wladimir Putin anbietet“ (frei zugänglich wiedergegeben bei Ukrajinska Prawda).
Zweitens hat Brüssel den Ausstieg von jedem Kriegsende abgekoppelt. Anna-Kaisa Itkonen, Energiesprecherin der EU-Kommission, sagte am 28. Oktober Euronews, das Gesetz sei „nicht an Sanktionen oder geopolitische Ereignisse gebunden“. Und: „Unabhängig davon, was passiert, nehmen wir russisches Gas und LNG vom europäischen Markt.“ LNG ist verflüssigtes Erdgas, das per Schiff kommt. Langfristige LNG-Verträge mit Russland enden im Januar 2027, Pipelineverträge im September 2027. Regierungssprecher Stefan Kornelius versichert, Berlin halte an den Sanktionsbeschlüssen fest und arbeite an weiteren (Ostdeutsche Allgemeine).
Was dabei auf dem Spiel steht, rechnet Tobias Federico vor, Chefanalyst des Energiedienstes Montel: Der unbeschädigte Strang von Nord Stream 2 könnte rund 250 Terawattstunden im Jahr liefern, knapp 30 Prozent des deutschen Verbrauchs. Das ist mehr als anderthalbmal so viel, wie heute in allen deutschen Speichern zusammen liegt. Federico hält es sogar für denkbar, dass Washington mit weniger Flüssiggas droht, falls Europa russisches Gas nicht wieder annimmt. Belegt ist eine solche Drohung nicht. Die USA lieferten im Sommer nach der EU-Regulierungsbehörde ACER aber schon 64 Prozent der LNG-Einfuhren der EU.
Was die Bundesregierung erklären müsste
Wer bezahlt den Winter, in dem Berlin im teuersten Moment nachkauft? Warum schließt Brüssel eine Lieferquelle „unabhängig davon, was passiert“ aus, auch für die Zeit nach einem Frieden? Und wer entscheidet am Ende über das Gas der Deutschen: der Bundestag oder ein amerikanischer Investor, der Nord Stream übernimmt und das russische Gas mit Aufschlag weiterverkauft?
Früh gewarnt
Der Publizist Tom J. Wellbrock sagte schon am 17. September 2022 in YOUNOST 11 (ab Min. 10:59): „Mit der Inbetriebnahme von Nord Stream 2 könnte diese ganze Krise von heute auf morgen vorbei sein.“
Die frühere Staatssekretärin Petra Erler, einst Kabinettschefin in der EU-Kommission, nannte den amerikanischen Plan am 7. Dezember 2025 bei Patrik Baab, elf Monate vor dem Economist: Trumps Vorschläge sähen vor, „Nord Stream unter amerikanischer Führung“ zu reaktivieren.
Marija Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, sagte am 28. Mai 2026 bei Baab, sie habe bei Gazprom nachgefragt: technisch möglich. „Wenn die politischen und wirtschaftlichen Fragen abgestimmt sind, dauert es aus technischer Sicht etwa drei Wochen, vielleicht einen Monat.“ Von Moskau aus betrachtet liegt die Entscheidung über den Gaswinter also allein in Berlin und Brüssel.
Der Journalist Patrik Baab selbst hatte am 11. Dezember 2025 auf seinem Kanal bilanziert: „Die Sanktionen gegen Russland haben sich als Boomerang erwiesen.“
Auch diesmal bleibt das Publikum außen vor. Der verfehlte Speicherstand, der Vorwurf aus Rom und das amerikanische Angebot für Nord Stream blieben am 29. und 30. Oktober in Tagesschau, Tagesthemen, heute und heute journal unerwähnt. Das heute journal sagte am 30. Oktober nur: „Die Energiepreise explodieren“, als Folge zweier Kriege.



