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Wirtschaft und Energie · Metall-Tarifrunde

Minusrunde am Band, Rekord bei Rheinmetall: Die Metaller streiken seit Mitternacht

Norbert Fleischer · 01.11.2026 · 4 Min. Lesezeit

In der deutschen Metall- und Elektroindustrie laufen seit Sonntag die ersten Warnstreiks. Kurz nach Mitternacht legte die Nachtschicht bei Thyssenkrupp Rasselstein in Andernach die Arbeit nieder, rund 300 Beschäftigte versammelten sich vor dem Werkstor, auch bei RF 360 in München begann in der Nacht eine Aktion. Das meldet die Deutsche Presse-Agentur (Rhein-Zeitung). Um 24 Uhr war die Friedenspflicht abgelaufen. Bis zum Ende der Woche plant die IG Metall Aktionen in mehr als 2.000 Betrieben. Verhandelt wird für rund 3,7 Millionen Beschäftigte in 15 Tarifgebieten.

Archivbild aus 2018 · Foto: Ramsch · „VW Osnabrück“ (Wikimedia Commons) · CC BY-SA 4.0 · Ausschnitt

Die Gewerkschaft fordert 5 Prozent mehr Geld für zwölf Monate und eine tarifliche Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten. Die Arbeitgeber bieten eine Erhöhung um 1,3 Prozent, allerdings erst ab Juli 2028, bei einer Laufzeit von 26 Monaten bis Ende 2028. Für 2027 gibt es eine Einmalzahlung, in Baden-Württemberg rund 700 Euro, die Betriebe mit einer Umsatzrendite unter 2,3 Prozent verschieben oder streichen können (Stuttgarter Zeitung). Die IG Metall rechnet das auf 0,6 Prozent im Jahresschnitt herunter. Die Inflation lag im September nach dem Statistischen Bundesamt bei 3,3 Prozent, so hoch wie seit Dezember 2023 nicht mehr, Energie war fast 15 Prozent teurer als ein Jahr zuvor.

„Unterm Strich ist dieses Angebot eine knallharte Minusrunde“, sagt der Bezirksleiter Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, Thorsten Gröger. Die Arbeitgeber verweisen auf die Lage der Industrie. Ohne Kostensenkung drohe in manchen Firmen ein „massiv verschärfter personeller Kahlschlag“, warnte Peter Sebastian Krause, Verhandlungsführer von Südwestmetall.

Wo das Geld hinfließt

Die Fließbänder laufen weiter, nur die Ware wechselt. Während die Autoindustrie spart, wächst die Rüstung so schnell wie nie. Rheinmetall steigerte seinen Umsatz im ersten Halbjahr 2026 um 39 Prozent auf 5,2 Milliarden Euro, das operative Ergebnis des zweiten Quartals stieg um 115 Prozent auf 562 Millionen. Der Auftragsbestand erreichte Ende Juni 80,5 Milliarden Euro, ein Jahr zuvor waren es 56 Milliarden. Vorstandschef Armin Papperger: „Wir haben ein Rekordwachstum“ (Rheinmetall).

Die Beschäftigten folgen dem Geld. Audi bietet Mitarbeitern in Ingolstadt an, sich für bis zu zwei Jahre an die Rüstungsfirmen Diehl, Airbus, MBDA und KNDS verleihen zu lassen, freiwillig und mit Rückkehrgarantie (echo24, 12. Oktober). Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) sagt dazu, man könne nicht einfach sagen: „Wir machen keine Rüstung mehr in Bayern und werden arbeitslos“. In Osnabrück endet 2027 die Autoproduktion bei Volkswagen. Das Land Niedersachsen übernimmt das Werk und will dort mit einem israelischen Investor Rüstungstechnik fertigen lassen, im Gespräch ist der Hersteller des Raketenabwehrsystems Iron Dome, Rafael. Von gut 1.800 Beschäftigten sollen bis zu 1.400 bleiben (zdfheute, 7. September). Ein VW-Arbeiter sagte dem ZDF: „Wenn man jahrelang Autos gebaut hat und jetzt auf einmal Militärfahrzeuge, das sind ganz andere Arbeitsbedingungen.“

Neu ist, dass die beiden Bewegungen zusammentreffen. Auf der einen Seite bietet die Industrie ihren Beschäftigten für 2027 und 2028 weniger, als die Preise steigen. Auf der anderen Seite fließen Milliarden aus dem Bundeshaushalt in Panzer, Munition und Flugabwehr. Was als Rettung der Industrie verkauft wird, ist ein Umbau zur Kriegswirtschaft, bezahlt doppelt von denselben Leuten: über die Steuern und über den Lohn.

Der Irrtum vom Rüstungswunder

Davor wird seit langem gewarnt. Der US-Ökonom Michael Hudson verspottete schon am 26. März 2025 bei Glenn Diesen die „Tunnelsicht von Ökonomen, die glauben, man müsse irgendwie in den Krieg ziehen, damit die Regierung Geld in die Wirtschaft pumpen kann, um die Wirtschaft wiederzubeleben“. Die BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht sagte am 31. August 2025 ebenfalls bei Diesen, selbst ein „militärischer Keynesianismus“ sei nicht das, was das Land brauche: „Unsere Infrastruktur verfällt. Straßen, Brücken, Schienennetze.“

Gewerkschaft und Betriebsräte stehen dabei zwischen den Stühlen. Grundlage des Audi-Angebots ist ein Tarifvertrag vom April 2026, und in Osnabrück kämpfte die IG Metall um jeden Arbeitsplatz, gleich was am Band entsteht. „Wir mussten hart dafür kämpfen, dass wir überhaupt eine Chance haben“, sagte ihr Vertreter Stephan Soldanski dem ZDF. In der Tarifrunde dagegen geht sie auf Konfrontation. IG-Metall-Chefin Christiane Benner: „Verzicht macht aber nichts besser.“

Wer den Umbau bezahlt, hat ein Recht auf Antworten. Wie viele Arbeitsplätze in der Autoindustrie sollen in die Rüstung wandern, und wer hat das entschieden? Was geschieht mit diesen Arbeitsplätzen, wenn in der Ukraine ein Frieden kommt und die Aufträge zurückgehen? Warum ist für Rüstungsaufträge im Milliardenumfang Geld da, während die Arbeitgeber der Metallindustrie bis Mitte 2028 keine dauerhafte Erhöhung zahlen wollen? Und hat der Bundestag je darüber beraten, ob Deutschland seine Industrie auf Waffen umstellen will?

Streik als Gradmesser

Die Warnstreiks sollen in der kommenden Woche auf das ganze Bundesgebiet ausgeweitet werden. „Der Mitternachtswarnstreik bei Thyssenkrupp Rasselstein ist lediglich der Auftakt einer massiven Warnstreikphase“, sagte der Bezirksleiter Mitte, Jörg Köhlinger. Die nächste Verhandlungsrunde im Südwesten ist voraussichtlich in der zweiten Novemberwoche. Volkswagen gehört nicht zur Flächentarifrunde, es hat einen eigenen Haustarif.

Die Fernsehnachrichten haben den Streikbeginn verschlafen. In den Themenübersichten von Tagesschau und Tagesthemen vom 31. Oktober fehlt die Tarifrunde, obwohl wenige Stunden später für 3,7 Millionen Beschäftigte die Friedenspflicht endete. Die Tagesschau brachte stattdessen die Patriot-Raketen für die Ukraine, verkauft von Washington, bezahlt unter anderem von Berlin.

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Alle Zitate sind in der verlinkten Originalquelle nachzulesen; Videozitate sind mit Zeitmarke verlinkt. Fremdsprachige Zitate in eigener Übersetzung.
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