Angriff am Tag nach der Wahl? Golfstaaten erwarten den Schlag gegen Iran am 4. November
Die Golfstaaten sollen sich auf neue amerikanische Angriffe gegen den Iran einstellen, und zwar schon ab dem 4. November, dem Tag nach den Zwischenwahlen in den USA. Das berichtet der US-Sender MS NOW am 30. Oktober unter Berufung auf drei hochrangige Regierungsvertreter arabischer Golfstaaten. Die Regierung Trump habe ihre Verbündeten auf „eine kurze, intensive Angriffswelle, schon am 4. November“ vorbereitet. Die Golfstaaten fürchten iranische Vergeltung und drängen auf Entspannung. Einer der Gewährsleute wäre „nicht überrascht“, wenn einzelne Staaten sich weigerten, Angriffe von Stützpunkten auf ihrem Boden zuzulassen. Das Weiße Haus antwortete mit dem Satz: „Wir äußern uns nicht zu sensiblen Militärplänen, die es geben mag oder auch nicht.“ Trump halte „alle Optionen auf dem Tisch“.

Der Aufmarsch läuft. Nach Analysten offener Flugdaten landeten in der vergangenen Woche mehr als zehn amerikanische Militärtransporter auf den israelischen Luftwaffenstützpunkten Nevatim und Ovda in der Negev-Wüste, die meisten kamen von Biggs Army Airfield in El Paso, Texas. Das meldet der Militärkorrespondent der Times of Israel, Emanuel Fabian, am 29. Oktober. Weitere Frachtflüge gingen nach Jordanien, Saudi-Arabien, Katar und Kuwait. „Der Inhalt der Transportflugzeuge ist unbekannt“, vermutet wird Material für die Luftabwehr. Nach MS NOW haben die USA zusätzliche Patriot-Batterien nach Saudi-Arabien und Katar verlegt. Der dritte Flugzeugträgerverband um die „Theodore Roosevelt“ soll Ende November eintreffen.
Am Donnerstag, dem 29. Oktober, ließ sich Trump im Weißen Haus von Admiral Brad Cooper unterrichten, dem Befehlshaber des US-Zentralkommandos CENTCOM, das für den Nahen Osten zuständig ist. Dabei waren Kriegsminister Pete Hegseth und Generalstabschef Dan Caine. Persönlich berichtet Cooper dem Präsidenten nur selten (Arutz Sheva nach dem Wall Street Journal). Trump selbst wurde deutlicher: Über die tief im Fels gelegene Atomanlage am Pickaxe Mountain sagte er nach MS NOW: „Wir wissen genau, was am Pickaxe Mountain vor sich geht.“ Und: „Vielleicht machen wir noch ein kleines Epic Fury.“ Epic Fury heißt die amerikanische Operation, mit der der Krieg am 28. Februar begann.
Aus „nach der Wahl“ wird ein Datum
Das ist die nächste Stufe einer Eskalation, die sich seit Wochen verdichtet. Am 8. Oktober hatte Trump zugesagt, vor den Zwischenwahlen nicht anzugreifen (AP). Am 21. Oktober ordnete das US-Außenministerium die Ausreise der nicht unverzichtbaren Regierungsmitarbeiter aus Saudi-Arabien an (CBS News). Am 28. Oktober berichtete das Wall Street Journal, Washington habe die Golfstaaten vor einer Kampagne nach der Wahl gewarnt. Neu sind ein Datum, verfolgbare Transportflüge und eine Lagebesprechung beim Präsidenten.
Gleichzeitig brennt die Straße von Hormus. Nach den iranischen Revolutionsgarden liefen am 30. Oktober vier Tanker, die eine „nicht genehmigte Route“ im Süden der Meerenge nahmen, auf Minen. Der vierte, mit über zwei Millionen Barrel Rohöl beladen, stehe in Flammen, meldet die iranische Staatsagentur IRNA. Unabhängig bestätigt ist das nicht. Die britische Seeüberwachungsstelle UKMTO meldete am selben Abend ein Schiff, das 40 Seemeilen südlich der Insel Lavan von einem „unbekannten Geschoss“ getroffen wurde, die Besatzung sei unverletzt (Middle East Monitor). Aus iranischer Sicht bedeutet das: Die Verantwortung für jede Störung der Schifffahrt liege „direkt bei den Aggressoren und denen, die ihnen helfen“, so der iranische Geschäftsträger bei den Vereinten Nationen, Gholamhossein Darzi, am 29. Oktober vor dem Sicherheitsrat (IRNA).
Am Morgen des 30. Oktober traf eine katarische Delegation unter einem Berater des Ministerpräsidenten in Teheran ein (IRNA). Katar hat nach MS NOW einen Sieben-Tage-Plan vorgelegt, der die Anliegen beider Seiten aufgreifen soll. Mohsen Rezaei, Sekretär des iranischen Obersten Nationalen Sicherheitsrats und Empfänger des Briefs von Vizepräsident Vance, wandte sich an Europa: „Gestern noch war Europa stolz auf die Drecksarbeit des zionistischen Regimes. Heute jammert es über die Milliarden, die es der Krieg mit dem Iran kostet“ (IRNA). Und: „Jetzt seid ihr an der Reihe zu zahlen.“
Die Golfstaaten zögern. Und Berlin?
Wer die Golfstaaten warnt, plant mit ihren Stützpunkten. Einige von ihnen erwägen offenbar, die Nutzung zu verweigern. Für Deutschland folgen daraus Fragen, zu denen die Bundesregierung bislang schweigt: Hat auch die Bundesregierung eine Warnung für den 4. November erhalten? Landen die Transporter auf dem langen Weg von Texas in die Negev zwischen, etwa in Ramstein oder Spangdahlem? Öffentlich bekannt ist es nicht. Und wenn die Golfstaaten Nein sagen dürfen, warum dann nicht auch Berlin? Artikel 26 des Grundgesetzes verbietet, einen Angriffskrieg vorzubereiten.
Die Rechnung zahlt Europa schon jetzt, über die Energiepreise. Dass ausgerechnet Teheran das vorhält, ist bitter, aber nicht falsch.
„Ihr Plan ist irrsinnig“
Widerspruch kommt aus Washington selbst. Der demokratische Senator Chris Murphy aus Connecticut wurde vertraulich über die Kriegspläne unterrichtet. Sie könnten nach seinen Worten auch Angriffe auf zivile Infrastruktur umfassen. „Ihr Plan ist irrsinnig“, sagte er nach MS NOW in dieser Woche bei einer Veranstaltung in Washington.
Der frühere US-Oberst Lawrence Wilkerson, einst Stabschef von Außenminister Colin Powell, sagte am 29. Oktober im Interview mit dem Politikwissenschaftler Glenn Diesen über Israels Ministerpräsidenten Netanjahu: „Ich glaube, er will den Iran immer noch erledigen.“ Die große Frage sei, „mit dem 3. November vor Augen“, welchen politischen Verstand Trump noch habe, „falls er überhaupt noch welchen hat“. Netanjahus Lager kam nach dem amtlichen Endergebnis der Knesset-Wahl auf 53 von 120 Sitzen und hat keine Mehrheit (Al Jazeera). Israel lasse Kampfjets bis in die Luftverteidigungszone des Iran fliegen und wieder abdrehen, so Wilkerson, als wolle man Teheran dazu bringen, „zuvorzukommen und den Krieg zu beginnen“.
Der Chefredakteur von Consortium News, Joe Lauria, sieht die USA schon auf dem Rückzug. Am 30. Oktober sagte er bei Patrik Baab: „Die USA verlieren jetzt ihre Interessen im Nahen Osten, weil ihre Stützpunkte weitgehend zerstört worden sind.“ Vizepräsident Vance sei gefragt worden, ob der Krieg bis zu den Zwischenwahlen vorbei sei. „Er sagte, er wisse es nicht.“
Was sich da zusammenbraut, erreicht die Wohnzimmer nicht. Tagesthemen, heute und heute journal nannten den Irankrieg am 30. Oktober nur als Thema des G20-Außenministertreffens in Atlanta, die Tagesschau erwähnte ihn gar nicht. Die Transportflüge nach Israel, die Lagebesprechung im Weißen Haus und die brennenden Tanker in der Straße von Hormus kamen in keiner der vier Sendungen vor.



