Ein Drittel mehr Bremse: Die Rentenreform trifft auch die 21,5 Millionen, die schon Rente beziehen
Wer heute Rente bekommt, hört bei der großen Rentenreform meist, sie betreffe vor allem die Jüngeren. Das stimmt nur zur Hälfte, rechnet Oliver Weinlein am 1. November in der Berliner Zeitung vor. Eine Stellschraube, die die Alterssicherungskommission drehen will, wirkt auf alle rund 21,5 Millionen laufenden Renten in Deutschland, und zwar ab der Anpassung im Juli 2032. Es ist der Nachhaltigkeitsfaktor in der Rentenformel. Er bremst die jährliche Erhöhung, wenn die Zahl der Rentner schneller wächst als die der Beitragszahler. Sein Gewichtungswert „Alpha“ soll von 0,25 auf 0,33 steigen. „Die Alterung der Gesellschaft schlägt dann um rund ein Drittel stärker auf Ihre Rentenerhöhung durch“, schreibt Weinlein.

So steht es in der Empfehlung 14 der Kommission, die das Bundesarbeitsministerium veröffentlicht hat: Der Parameter solle „moderat auf 0,33 erhöht werden, um die Lasten der demografischen Alterung ausgewogener als bisher zwischen Rentnern und Beitragszahlern zu verteilen“. Die laufende Rente wird dadurch nicht gekürzt, die Rentengarantie bleibt. Gekürzt wird jede künftige Erhöhung.
Was das bedeutet, zeigt Weinleins vereinfachte Modellrechnung. Eine Rente von 1.500 Euro, die zehn Jahre lang um 2,5 Prozent im Jahr steigt, liegt am Ende bei rund 1.920 Euro. Steigt sie nur um 2,2 Prozent, sind es rund 1.865 Euro. Das sind 55 Euro weniger im Monat, über die zehn Jahre summiert fehlen rund 3.400 Euro. Das Fachportal renten.net setzt den Abstand vorsichtiger an: Verschlechtert sich das Verhältnis von Rentnern zu Beitragszahlern um zwei Prozent, dämpft der Faktor die Erhöhung mit dem neuen Wert um rund 0,66 statt 0,50 Prozent. Wie groß der Verlust wird, hängt also davon ab, wie schnell die Babyboomer in Rente gehen. Dass er kommt, steht in der Formel.
Zahlen, ohne zu bekommen
Herzstück der Reform ist eine gesetzliche Kapitalrente nach schwedischem Vorbild. Beschäftigte und Arbeitgeber sollen dafür zusätzlich zwei Prozent des Bruttolohns einzahlen, eingeführt in Schritten ab voraussichtlich 2028. Für die heutigen Rentner hat das eine bittere Pointe: „Wer schon Rente bezieht, erhält aus dem neuen Topf keinen Cent, finanziert die Reform aber über die gebremsten Erhöhungen mit“ (Berliner Zeitung). Für die Rentenzugänge ab 2032 empfiehlt die Kommission einen steuerfinanzierten Übergangsfaktor, damit deren Niveau nicht sinkt. Für den Bestand gibt es so etwas nicht.
Die Kommission verspricht zwar, das Rentenniveau einschließlich Kapitalrente werde „weder für den Rentenbestand noch für die künftigen Rentenzugänge geringer als nach dem geltenden Recht“ ausfallen. Die Grünen bezweifeln das in einer Kleinen Anfrage zur Entwicklung des Rentenniveaus nach den Vorschlägen der Kommission. Für Bestandsrentner werde das 48-Prozent-Niveau gar nicht gesichert, gibt die Berliner Zeitung ihren Einwand wieder.
Die Bremse von 2004, nachgeschärft
Der Druck auf die Rentner nimmt zu, nur leise. Eingeführt wurde der Nachhaltigkeitsfaktor mit dem RV-Nachhaltigkeitsgesetz vom 21. Juli 2004, nach einer Empfehlung der Rürup-Kommission. Alpha wurde damals auf 0,25 festgesetzt: Die Rentner tragen ein Viertel der demografischen Last. Mit der Haltelinie von 48 Prozent wird die Rentenanpassung „bis einschließlich 2031“ ohne diese Bremse berechnet, ab 2032 kommt sie „wieder zur Anwendung“, so das Bundesarbeitsministerium. Wie stark sie wirkt, zeigt das laufende Jahr: Ohne Haltelinie wären die Renten im Juli 2026 nach Berechnung der Rentenversicherung nicht um 4,24, sondern nur um 4,05 Prozent gestiegen.
Am 23. Juni 2026 legte die Kommission ihre 33 Empfehlungen vor. Union und SPD haben sich nach der Deutschen Rentenversicherung im Koalitionsausschuss darauf verständigt, sie vollständig umzusetzen. Neu ist das Tempo. Nach dem Rücktritt von Bärbel Bas ist seit dem 13. Oktober Alexander Schweitzer (SPD) Arbeitsminister, und Kanzler Friedrich Merz will den Entwurf noch 2026 im Kabinett sehen. Dass seit Juni nichts vorliegt, kommentierte er nach dpa: „Juli, August, September, Oktober – das ist mir schon zu lange.“
Schulden für die Kaserne, Abschläge für die Rente
Bei einer anderen Rechnung zeigt sich die Bundesregierung großzügig. Im regulären Verteidigungshaushalt 2027 sind rund 110 Milliarden Euro geplant, weitere 30 Milliarden kommen aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Zusammen sind das knapp 140 Milliarden Euro, nach dem Verteidigungsministerium „die größte Summe seit Ende des Kalten Krieges“. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) sagte bei der Einbringung des Haushalts am 8. September: „Ohne neue Schulden sich zu verteidigen, das ist, wie ohne Rakete zum Mond fliegen.“ 85,4 Milliarden Euro Kredit will der Bund 2027 über die Ausnahme von der Schuldenbremse aufnehmen, die vor allem für Verteidigung gilt (Bundestag).
Für die Rüstung gibt es also eine Ausnahme von der Schuldenregel, für die Rente einen schärferen Faktor. Die einen bekommen frisches Geld auf Pump, die anderen eine Formel, die erst in sechs Jahren greift und deshalb heute kaum jemanden aufregt. Wer den Umbau bezahlt, sollte vor dem Kabinettsbeschluss Antworten bekommen: Wie viel spart der schärfere Faktor der Rentenkasse und dem Bundeshaushalt bis 2040? Warum gibt es einen steuerfinanzierten Ausgleich für künftige Neurentner, aber keinen für die 21,5 Millionen im Bestand? Übernimmt Arbeitsminister Schweitzer die Empfehlung in seinen Entwurf? Und hat irgendjemand in der Kommission die Frage gestellt, ob die Haushaltsenge etwas mit 140 Milliarden Euro für die Bundeswehr zu tun hat?
Rakete zum Mond, Rente auf Sparflamme
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) warb am 9. September im Bundestag für seinen Etat mit dem Satz: „Ohne Sicherheit ist alles andere nichts“ (Verteidigungsministerium). Der Linken-Abgeordnete Dietmar Bartsch hielt in der Schlussrunde am 11. September dagegen: „Sie schließen Lücken im Haushalt, indem sie neue Lücken in das Portemonnaie der Menschen reißen“ (Bundestag).
Weinlein selbst rät den Bestandsrentnern zur Wachsamkeit. Für sie sei nicht das Rentenalter die entscheidende Frage, sondern ob der verschärfte Nachhaltigkeitsfaktor im Gesetzentwurf landet: „Darauf sollten sie achten, wenn Schweitzer den Entwurf vorlegt.“ Die Rentengarantie schützt zwar den Eurobetrag, aber nicht vor steigenden Preisen. „Steigen die Preise stärker als die Rente, verlieren Sie trotzdem Kaufkraft.“
Ein Faktor, über den niemand spricht
Über eine Formel, die 21,5 Millionen Menschen betrifft, verlor das Fernsehen kein Wort. Den verschärften Nachhaltigkeitsfaktor brachten am 1. November weder Tagesschau und Tagesthemen noch heute und heute journal. Die Verbindung zwischen dem Rekordetat für die Bundeswehr und den gebremsten Renten zog an diesem Tag keine der vier Sendungen.



