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Grundrechte und Protest · Protest

Unruhen befürchtet, Frieden demonstriert: Die Gen Z sagt Nein zur Wehrpflicht, und die Ersten rufen nach Soldaten

Norbert Fleischer · 31.10.2026 · 3 Min. Lesezeit

Am heutigen 31. Oktober gehen junge Menschen in ganz Deutschland gegen Wehrpflicht, Aufrüstung und Sozialkürzungen auf die Straße. Wie viele Städte es sind, hängt von der Quelle ab: Die Ostdeutsche Allgemeine nannte 23, die Tagesthemen am Vorabend 34. Die Veranstalter meldeten am Vormittag mehr als 160.000 Zusagen.

Foto: Axel Hindemith · „Hannover Schulstreik gegen Wehrpflicht 2026 b“ (Wikimedia Commons) · CC BY-SA 3.0 · Ausschnitt

Bis zum Nachmittag blieb es nach Angaben der Polizei überall friedlich. In Berlin zählte sie am Brandenburger Tor rund 5.000 Teilnehmer, die Veranstalter 10.000, Festnahmen wurden nicht gemeldet. In Leipzig kamen knapp 2.000, in München 1.800, in Frankfurt etwa 1.000, in Köln mehrere Tausend. In Leipzig und Köln brannten Bengalos, in Stuttgart stoppte die Polizei den Zug wegen Vermummung und Böllern. So berichten die Liveblogs der Berliner Zeitung und von zdfheute.

Die Proteste hatten schon in der Woche begonnen. Am 28. Oktober blockierten Studenten mit Bauzäunen und Mülltonnen das Otto-Suhr-Institut der FU Berlin. Eine Teilnehmerin sagte der dpa: „Wir sind hier, weil wir gegen Militarisierung und Aufrüstung sind, weil wir gegen die Wehrpflicht sind …“ An der Hamburger HAW richtete sich die Blockade nach heute „gegen Kürzungen bei der Bildung, fehlende Kursplätze, eine mögliche Wehrpflicht und für ein bezahlbares Leben“.

Erst die Angst, dann der Protest

Bevor der erste Demonstrant auf der Straße stand, war das Thema gesetzt: Gewalt. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) warnte am 26. Oktober, an Halloween würden „im Schutz der Maskerade“ Straftaten begangen, und es gebe Aufrufe „besonders aus der linksradikalen Szene“. heute 19 Uhr eröffnete den Bericht am 28. Oktober mit der „Sorge, dass die Demos wie in Frankreich für Randale genutzt werden könnten“, und schob nach: „Bislang haben die Behörden allerdings keine Erkenntnisse zu konkreten Gewaltaufrufen.“ Die Tagesschau machte am 30. Oktober mit der Sorge auf, der Frust könne „in Gewalt umschlagen“, und zeigte dazu verbarrikadierte Schaufenster am Kurfürstendamm. AfD-Chefin Alice Weidel erklärte im Telegram-Kanal ihrer Bundestagsfraktion: „Wir werden überrannt.“ Krawalle seien angekündigt, „maßgeblich aus dem linksmigrantischen Milieu“.

Die Veranstalter hatten das Gegenteil erklärt. Akram Selo, Mitinitiator von „Gen Z steht auf“, sagte der dpa: „Wir distanzieren uns klar von jeglicher Art von Gewalt.“

Am weitesten ging der Kreisverband Berlin-Mitte der Jungen Union. Er verlangte auf Instagram, nach einem Bericht der Ostdeutschen Allgemeinen, „vorsorglich die Bundeswehr zur Verteidigung unserer freiheitlichen Ordnung hinzuzuziehen“. Die Demonstrationen „müssen unterbunden werden“. Dazu ein KI-Bild mit behelmten Soldaten vor dem Brandenburger Tor, unterlegt mit der Nationalhymne. Der Landesverband der Jungen Union Berlin distanzierte sich: „Diese Forderung ist keine Position des Landesverbands“. Von der CDU selbst war nichts zu hören, und keine der großen Nachrichtensendungen erwähnte die Forderung.

Das Grundgesetz lässt dafür keinen Raum. Artikel 87a erlaubt den Einsatz der Streitkräfte im Inneren nur zum Schutz ziviler Objekte und „bei der Bekämpfung organisierter und militärisch bewaffneter Aufständischer“, und auch das nur, wenn die Polizei nicht ausreicht. Artikel 35 kennt die Bundeswehr im Land sonst nur bei Naturkatastrophen und schweren Unglücksfällen. Schüler und Studenten mit Transparenten sind weder das eine noch das andere. Entscheidend ist deshalb nicht die Distanzierung, sondern dass ein solcher Satz in einer Regierungspartei geschrieben werden konnte.

Eine Generation verweigert sich

Neu ist der Protest nicht, aber er wächst. Am 5. Dezember 2025 beschloss der Bundestag das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz: Fragebogen für alle jungen Männer, Freiwilligkeit zuerst, eine „Bedarfswehrpflicht“ per Gesetz, wenn sich zu wenige melden. Am selben Tag streikten die Schüler. Der Leipziger Gymnasiallehrer Torsten Schleip, Ko-Sprecher der Kooperation für den Frieden und Berater für Kriegsdienstverweigerer, sagte damals in YOUNOST 122 (Min. 07:13), die Schüler hätten den Protest „weitgehend selbsttätig organisiert“.

Die Zahlen zeigen, wie ernst es ihnen ist. Bis Ende September 2026 gingen nach Auskunft des zuständigen Bundesamts 14.977 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung ein, im ganzen Jahr 2025 waren es 3.879. Und schon liegt das nächste Gesetz im Bundestag: Das Reservestärkungsgesetz, am 15. Oktober in erster Lesung beraten, soll die verpflichtende Heranziehung von Reservisten ermöglichen.

Dass das Gewissen vor dem Befehl steht, hat in Deutschland ein Gericht festgestellt. Im Fall des Majors Florian Pfaff entschied das Bundesverwaltungsgericht am 21. Juni 2005, die Gewissensfreiheit werde „durch den Befehl nicht verdrängt“.

Yanis Varoufakis, 2015 griechischer Finanzminister, erinnerte am 27. Oktober bei dem norwegischen Politikwissenschaftler Glenn Diesen an Serbien: Eine spontan entstandene Studentenbewegung in Belgrad habe eine sehr autoritäre Regierung „mit demokratischen Mitteln“ gestürzt. Der Amerikanist und Propagandaforscher Jonas Tögel schrieb am selben Tag auf Telegram: „Militärs, Regierung und Konzerne wissen genau, dass die öffentliche Meinung die größte Kraft überhaupt ist.“ Genau deshalb, so lässt sich ergänzen, wird ein Protest zum Sicherheitsproblem erklärt, bevor er stattgefunden hat.

Und wieder einmal sah das Fernsehpublikum vor allem die Angst: Randale, Schaufenster, Frankreich. Dass eine Jugendorganisation der Regierungspartei Soldaten gegen Schüler verlangte, erfuhr es nicht.

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