„Die Reichen wollen Krieg“: Die Jugend geht gegen die Wehrpflicht auf die Straße, der Verfassungsschutz schaut zu
In mehr als 30 deutschen Städten haben am 31. Oktober junge Menschen gegen Wehrpflicht, Kürzungen und steigende Lebenshaltungskosten demonstriert. Aufgerufen hatte die Initiative „Gen Z regelt“. Ihr Sprecher nannte am Abend mehr als 100.000 Teilnehmer, wobei die Zahlen aus sechs bis acht Städten noch fehlten. Bundesweite Angaben der Polizei gab es nicht, meldet die Deutsche Presse-Agentur (dpa in der Rheinpfalz). Verlangt wurden mehr Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie, soziale Gerechtigkeit und Schritte gegen die Teuerung. Besonders stark war der Osten. In Leipzig zählte die Polizei rund 7.000 Teilnehmer, angemeldet waren 2.500. In Dresden waren es 2.500, in ganz Sachsen etwa 10.000 (t-online nach dpa).

In Dresden skandierte der Zug „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft!“, auf einem Plakat stand „Bildung statt Bomben“. Ein 16-Jähriger aus dem Dresdner Umland sagte der Ostdeutschen Allgemeinen: „Meine Freunde und ich haben Angst, eingezogen zu werden.“ Ein Vertreter der Initiative „Schulstreik gegen die Wehrpflicht“ kündigte für den 20. November den nächsten Streik an. Die Schüler sollen dann dem Unterricht fernbleiben.
Am Abend kippte das Bild. In Frankfurt wurden nach dem Ende der Kundgebung Geschäfte geplündert, nach einem Angriff auf ein Waffengeschäft in der Berliner Straße rückte das Spezialeinsatzkommando an, die Polizei meldete mehr als 30 vorläufige Festnahmen (hessenschau). In Berlin endete ein Abendzug, der nicht zu „Gen Z regelt“ gehörte, mit bis zu 56 Festnahmen und 27 leicht verletzten Beamten. In Köln fand die Polizei bei Vermummten nach Angaben ihres Präsidenten Molotowcocktails (dpa). In Leipzig zogen nach dem Zug bis zu 200 Störer durch den Süden der Stadt, zerstörten Haltestellen und errichteten Barrikaden (t-online). Polizeisprecher Olaf Hoppe zog trotzdem ein positives Fazit: „Die befürchteten Übergriffe wie in Frankreich sind ausgeblieben.“ In Dresden gab es nach Polizeisprecher Thomas Geithner „keine Straftaten und keine Verletzten“ (Ostdeutsche Allgemeine).
Ein Geheimdienst sortiert die Gründe
Bevor der erste Schüler sein Transparent hob, hatte sich der Verfassungsschutz zu Wort gemeldet. Das Bundesamt erklärte am 28. Oktober auf Anfrage des Handelsblatts, „Teile der linksextremistischen Szene“ griffen die Aufrufe auf. Es gehöre zum Vorgehen solcher Akteure, „gesellschaftlichen Protest zu radikalisieren“ (taz nach AFP). Das sächsische Landesamt beobachtete „eine dynamische Mobilisierung in den sozialen Medien auch bei dogmatischen Linksextremisten“ und nannte in Leipzig die Gruppe Young Struggle aus dem „auslandsbezogenen Extremismus“. Nach seiner Einschätzung könnten Extremisten Themen wie soziale Gerechtigkeit, Anti-Wehrpflicht und Anti-Militarismus für ihre Zwecke nutzen und dabei besonders Schüler und Studenten ansprechen (t-online, 30. Oktober).
Gemeint sind Extremisten, getroffen wird ein Anliegen. Wenn eine Behörde den Widerstand gegen die Wehrpflicht als Einfallstor für Extremismus führt, steht jeder Schüler, der gegen den Wehrdienst demonstriert, plötzlich im Licht eines Verdachts. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jochen Kopelke, sprach in der Bild von „jungen Krawallmigranten“ (Ostdeutsche Allgemeine). Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) sah eine „verheerende Verbindung von Linksextremisten und gewalttätigen jungen Menschen“. Drei Etiketten rund um einen Protesttag. Was die Jugendlichen eigentlich wollen, kommt in keinem davon vor.
Vom Schulstreik zum Massenprotest
Elf Monate lang ist der Widerspruch gewachsen, und mit ihm die Härte der Antwort. Am 5. Dezember 2025 beschloss der Bundestag das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz mit dem Fragebogen für alle jungen Männer und der Möglichkeit einer Bedarfswehrpflicht. Am selben Tag streikten Schüler in Dutzenden Städten. Bis Ende September 2026 zählte das zuständige Bundesamt 14.977 Verweigerungsanträge, fast viermal so viele wie im ganzen Jahr 2025. Mitte Oktober beriet das Parlament in erster Lesung das Reservestärkungsgesetz, das Reservisten verpflichtend heranziehen soll. Und am 28. Oktober verlangte der JU-Kreisverband in Berlins Mitte, „vorsorglich die Bundeswehr“ gegen die Proteste hinzuzuziehen.
Neu sind drei Dinge. Der Maßstab: mehr als 30 Städte an einem Tag, der Osten vorn mit dabei. Die Verbindung: Wehrpflicht, Schulen, Lebenshaltungskosten und Rüstung erscheinen als ein einziger Vorwurf an die Regierung. Und die Antwort des Staates: Ein Geheimdienst nennt den Protest gegen die Wehrpflicht ausdrücklich als Thema, das Extremisten nutzen könnten.
Das fällt in eine Zeit, in der die Dienste mehr dürfen sollen. Die Reform des Nachrichtendienstrechts, die der Bundestag am 24. September in erster Lesung beraten hat, gibt dem Bundesamt für Verfassungsschutz neue Eingriffsbefugnisse, nach Darstellung eines Sachverständigen auch den Zugriff auf IT-Systeme und öffentliche Videoüberwachung. Bei der Anhörung am 12. Oktober warnte ausgerechnet ein früherer Präsident des Amtes, Hans-Georg Maaßen, die neuen Befugnisse könnten nicht der Abwehr von Terror und Sabotage dienen, sondern der „Bekämpfung von Regierungskritikern“ (Bundestag).
Wer seine Kinder zur Musterung schicken soll, möchte vorher einiges wissen. Auf welcher Grundlage nennt ein Landesamt den Protest gegen die Wehrpflicht in einem Atemzug mit Extremismus? Werden Organisatoren, Schülergruppen oder Redner der Kundgebungen erfasst? Wie viele Rekruten braucht die Bundeswehr wirklich, wenn schon in neun Monaten fast 15.000 junge Menschen den Kriegsdienst verweigert haben? Und was antwortet der Kanzler auf den offenen Brief der Initiative, den nach der Ostdeutschen Allgemeinen unter anderen Linken-Chefin Heidi Reichinnek und die Grünen-Abgeordnete Ricarda Lang unterschrieben haben: „Ihre Sparpolitik nimmt uns jede Hoffnung.“
Ohne Zustimmung kein Krieg
Der Propagandaforscher Jonas Tögel von der Universität Regensburg hat die Frage, die der 31. Oktober beantwortet, schon im Juni 2025 gestellt. In einer Videoanalyse vom 25. Juni 2025 sagte er: „wenn Sie Kriege führen wollen, Sie können diese Kriege nicht führen. Wenn Sie die Zustimmung der Bevölkerung nicht haben“. Die spannende Frage sei, wie die Bevölkerung auf eine Wehrpflicht reagiere: „Gibt es Widerstand?“
Andreas Roßkopf, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei für die Bundespolizei, trennte am Abend, was andere vermengten: Die Proteste der Gen Z seien sehr friedlich gewesen, zugespitzt habe sich die Lage erst nach dem Ende der Kundgebungen in einigen Städten (dpa). Ein Sprecher der Initiative, der sich Amadeo nennt, erklärte, auf die Zeit nach den Kundgebungen habe man keinen Einfluss. Für „Gen Z regelt“ sei der Tag „nur der erste Schritt“.
Gezeigt wurde der Rauch, nicht die Gründe. Die Tagesschau und die Tagesthemen machten den Protesttag am 31. Oktober zum Aufmacher, die Tagesthemen begannen nach dem Sendungstext mit dem Satz „Randalierer trugen Gewalt in die Städte“. Die Bilder kamen aus Köln, Hamburg, Frankfurt und Berlin. Den Leipziger Zug mit 7.000 Menschen, das friedliche Dresden und die Einschätzung des Verfassungsschutzes zur „Anti-Wehrpflicht“ brachte keine der vier Hauptnachrichtensendungen von ARD und ZDF.



