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Norbert FleischerJournalismus · Medienproduktion · Public Relations
Grundrechte und Protest · Rüstung und Widerstand

Leipzig wehrt sich gegen die Marschflugkörper, Hafenarbeiter in 22 Ländern verweigern den Waffentransport

Norbert Fleischer · 30.10.2026 · 4 Min. Lesezeit

Am Vorabend des Protesttags der Jugend nagelten Händler in der Leipziger Innenstadt ihre Schaufenster mit Holz zu. Gegen Wehrpflicht und Sozialkürzungen wollte die Initiative „Gen Z regelt“ demonstrieren, und in Leipzig kam ein eigenes Thema hinzu: Kritisiert werde auch „die Ansiedlung mehrerer Rüstungsunternehmen“, schrieb die Ostdeutsche Allgemeine am 30. Oktober. Am selben Freitag legten Hafenarbeiter nach Angaben der Organisatoren in 113 Häfen und 22 Ländern die Arbeit nieder. Ihre Forderung, wie die Nachrichtenagentur AP sie aus der gemeinsamen Erklärung zitiert: „Häfen dürfen nicht für den Transport von Waffen, Munition, Militärgerät und Truppen genutzt werden.“

Archivbild aus 1989 · Bundesarchiv, Bild 183-1989-1127-033 / Friedrich Gahlbeck / CC-BY-SA 3.0 · „Bundesarchiv Bild 183-1989-1127-033, Leipzig, Montagsdemonstration“ (Wikimedia Commons) · CC BY-SA 3.0 de · Ausschnitt

Siebzehn Anfragen, ein Versprechen an die Investoren

Was in Leipzig geplant ist, kam zwei Tage zuvor im Stadtrat ans Licht, auf Drängen der Linken: 17 Rüstungs- und Dual-Use-Firmen haben bei der Stadt angefragt, Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) sicherte ihnen Vertraulichkeit zu und fand, man „überhöhe das Thema“.

Die Leipziger sehen das anders. Die Petition „Aus der Stadt der Friedlichen Revolution darf keine Stadt der Waffen werden!“ der Initiative „Leipzig bleibt friedlich!“ zählte am 31. Oktober auf openPetition mehr als 11.700 Unterzeichner. Sie verlangt volle Transparenz über Rüstungsansiedlungen, eine öffentliche Grundsatzdebatte und keine weiteren Festlegungen, bevor zivile Alternativen geprüft sind. Die Stadt bestätigte den Eingang am 23. Oktober, sie liegt auch beim Sächsischen Landtag. Lutz Mükke, Vorsitzender der Initiative, sagte der Leipziger Internet Zeitung: „Mehr als 10.000 Unterschriften sind ein unüberhörbares Signal.“ Mit der Einreichung sei die Sache nicht erledigt. Am 24. Oktober zogen trotz strömenden Regens rund 400 Menschen durch die Innenstadt und forderten, das Covenant-Werk wieder zu schließen.

Raketen mit 1.000 Kilometern Reichweite

Der Streit hat sich seit dem 5. Oktober verschärft. An diesem Tag eröffnete Covenant im Leipziger Norden seine Fabrik für den Marschflugkörper Anthem, eine unbemannte Lenkwaffe, die im Tiefflug weit entfernte Ziele ansteuert. Nach Angaben bei der Eröffnung fliegt Anthem mehr als 1.000 Kilometer weit und trägt einen Gefechtskopf von bis zu 200 Kilogramm. 2027 sollen 1.000 Stück gebaut werden, ab 2028 jährlich 5.000; Covenant investiert rund 250 Millionen Euro. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) begrüßte die Ansiedlung, Abschreckung sei ein wichtiger Teil der Sicherheit (Sachsen Fernsehen). Eine Genehmigung zur Produktion fehlt bislang: Die gemietete Halle ist noch als Lager ausgewiesen.

Covenant wurde erst 2024 gegründet, hat seinen Sitz in Washington, eine Fabrik in Texas und einen Standort in Israel. Zu den Geldgebern gehört der Founders Fund des Milliardärs Peter Thiel (zdfheute). Der erste bekannte Kunde ist Dänemark, berichtete die Ostdeutsche Allgemeine am 22. Oktober. Falk Defence entwickelt in Leipzig die gelenkte Artillerierakete Siegfried SF1-100 mit rund 100 Kilometern Reichweite und sieht laut dpa die Ukraine als möglichen Markt.

Wie die Befürworter das begründen, war am 27. Oktober in der Alten Handelsbörse zu hören. Generalmajor a. D. Markus Kurczyk, Vorstand des Mitteldeutschen Instituts für Sicherheitsindustrie, sagte dort, die 1989 in Leipzig erkämpfte Freiheit sei heute „unweigerlich mit dem ungeliebten Thema der Aufrüstung verknüpft“. Im Saal saßen fast nur Mitglieder und Pressevertreter.

Wer hat die Leipziger gefragt?

Ausgerechnet die Stadt, deren Montagsdemonstrationen 1989 ohne einen Schuss eine Regierung stürzten, soll Waffen für Ziele tief im Hinterland eines Gegners bauen. Der Oberbürgermeister verspricht den Investoren Verschwiegenheit, den Bürgern nicht einmal den Stand der Verhandlungen. Gefragt hat die Leipziger niemand, dabei hätten sie Antworten verdient: Wird eine Großstadt mit einer Marschflugkörperfabrik im Kriegsfall selbst zum Ziel? Wer haftet, wenn in der umgewidmeten Lagerhalle etwas schiefgeht? Und warum ist für Raketen Geld da, für Krankenhäuser nicht? Die Rechnung eines Pflegers auf einer Leipziger Demonstration fasste YOUNOST 156 (Min. 25:13) so zusammen: „Für die Pflege gibt es kein Geld, für Raketen schon.“

Wo Arbeiter Nein sagen

In den Häfen sagen Beschäftigte dieses Nein bereits mit den Händen. Aufgerufen hatten Gewerkschaften aus Italien, Frankreich, Griechenland, dem Baskenland, der Türkei und Marokko, mehr als 25 Gewerkschaften schlossen sich an. In Piräus streikten nach Reuters-Angaben rund 3.000 Hafenarbeiter und Seeleute, die französische CGT rief in Le Havre, Marseille, Dünkirchen und Rouen zur Niederlegung auf. In Italien lief zugleich ein Generalstreik, die Regierung verpflichtete Beschäftigte zur Wiederaufnahme der Arbeit (Ostdeutsche Allgemeine, Peter Steiniger). Der Leitspruch der Erklärung: „Hafenarbeiter arbeiten nicht für den Krieg!“ Ein bestreikter deutscher Hafen wird nicht genannt; Verdi erklärte sich solidarisch, in Hamburg war eine Kundgebung vor dem Lagerhaus G angekündigt.

Dass sich deutsche Arbeitnehmer schwertun, hat eine lange Vorgeschichte. Als 2009 deutsche Zivilbeschäftigte der US-Streitkräfte um acht Prozent mehr Lohn streikten, fragte Wolfgang Jung, Herausgeber der Friedenspolitischen Mitteilungen LUFTPOST aus Kaiserslautern, am 10. April 2009: „Wie lange müssen sie ihr Geld noch durch Zuarbeit für völkerrechts- und verfassungswidrige Angriffskriege verdienen?“ Der Journalist Patrik Baab beschrieb im November 2025 die Gegenrichtung in einem Vortrag: „Gewerkschaften üben Druck auf ihre Mitglieder aus, sich zur Unterstützung der Ukraine im Krieg zu verpflichten.“ Und Nico Rudolph, Sprecher des BSW für Frieden, Europa und Ostdeutschland, sagte der Ostdeutschen Allgemeinen, mit einem Klima der Angst werde die Gesellschaft dazu gebracht, „hohe Ausgaben für Rüstungsgüter ohne lauten Protest zu tolerieren“.

Der Samstag

Beim Protesttag am 31. Oktober, über den an anderer Stelle berichtet wurde, zählte der Liveblog der Berliner Zeitung in Leipzig zunächst knapp 2.000 Teilnehmer, später „mehrere Tausend“. Ob die Rüstungsansiedlung auf der Kundgebung zur Sprache kam, war aus den Berichten nicht zu erfahren.

Die Millionen vor den Bildschirmen haben davon nichts erfahren. Weder das Erste noch das Zweite meldete am 30. Oktober in Tagesschau, Tagesthemen, heute oder heute journal den Hafenstreik in 22 Ländern, und auch die Marschflugkörper aus Leipzig blieben unerwähnt.

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